Kapitel 10 - Erwartung

Alena

Cora hat ihr Smartphone neben der Untertasse ihres Cappuccinos abgelegt und wischt hastig über das Display. Farbpixel und schwarze Linien fliegen vorbei. Ich frage mich, ob sie bei dem Tempo überhaupt etwas erkennen kann, zumal Coras Stirn sich mehr und mehr in Falten legt. Schließlich schiebt sie ihren Zeigefinger in einer energischen Bewegung über das Display und das Browserfenster verschwindet. Seufzend lässt sie sich gegen die Rückenlehne des Stuhls fallen.

Ich mustere ihre unzufriedene Miene.

 

Sie zieht eine Schnute wie ein Kleinkind, dem man gerade die Schere weggenommen hat, mit der es dem Hund eine neue Frisur verpassen wollte. Hastig schiebe ich mir die Gabel mit einem Stück Karottenkuchen in den Mund und lasse es übertrieben lang auf meiner Zunge liegen. Als ich sicher bin, nicht mehr loslachen zu müssen, lege ich die Gabel ab.

 

„Was ist los?“

 

Cora richtet sich langsam wieder auf. „Immer noch nichts Neues.“ Sie wirft ihrem Handy einen bösen Blick zu.

 

„Von deinem Johnny?“

 

Ich hätte nicht gedacht, dass Cora noch missmutiger dreinschauen kann, aber jetzt sieht es so aus, als läge eine kilometerdicke Schicht Gewitterwolken über ihrem Gesicht.

 

„Er ist nicht mein Johnny“, grummelt sie. „Aber ja, auch von ihm gibt es nichts Neues. Ich finde, er ist jetzt lang genug in Florida gewesen.“

 

Ich atme hörbar aus. „Cora“, sage ich so sanft wie möglich, „das mit Johnny und der Delfintherapie …“

 

Cora funkelt mich an. „Ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich hab die Fanfiction auch gelesen.“

 

„O.“ Ich schlage die Augen nieder, fahre mit meinem Blick die Konturen der Kuchengabel nach. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, Cora mit albernen Geschichten von ihrem Kummer abzulenken. „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht verärgern.“

 

Cora streckt ihren Arm über den Tisch und legt ihre Hand auf meine. „Hast du nicht, Süße. Ich habe nicht richtig an diese Florida-Story geglaubt, aber sie eignet sich ganz gut, wenn es zu weh tut.“

 

„Du kannst ja eine Fortsetzung schreiben.“ Kaum habe ich es ausgesprochen, würde ich mir am liebsten auf die Zunge beißen. Es tut Cora bestimmt nicht gut, sie in ihrer etwas aus der Art geschlagenen Fandom zu bestätigen.

 

„Oder Johnny kommt einfach zurück“, erwidert sie mit einem Seufzen und greift wieder nach ihrem Smartphone. Erleichtert darüber, dass sie immerhin nicht weiter von der Fanfiction spricht, verkneife ich mir einen Kommentar zum Thema. Vielleicht ist es am besten, das Ganze auf sich beruhen zu lassen und zur Ausgangssituation zurückzukehren.

 

„Wo hättest du sonst noch gern Neuigkeiten?“

 

Leider hebt meine Frage Coras Stimmung genauso wenig wie das vorherige Thema. Sie zieht die Stirn in Falten und wirft ihrem Handy einen Blick zu, der alles andere als wohlwollend ist.

 

„Die Seminare fürs neue Semester stehen immer noch nicht im Vorlesungsverzeichnis.“ Als ob sich innerhalb der letzten fünf Minuten etwas geändert haben könnte, entsperrt Cora das Display, öffnet den Browser, in dem noch immer das leere Vorlesungsverzeichnis angezeigt wird.

 

„Du kannst es wohl kaum erwarten, dass das neue Semester losgeht. Ich bin froh, wenn ich in zwei Wochen wenigstens noch ein bisschen Ferien habe.“ Und meine Familie besuchen kann, schiebe ich in Gedanken hinterher, widme meine Aufmerksamkeit aber sofort wieder Cora. An zu Hause zu denken, heißt, an Matĕj zu denken, und das tut noch immer weh.

 

Cora steckt das Handy kopfschüttelnd in ihre Handtasche. „Es geht mir nicht so sehr um das neue Semester. Ich schlaf gern noch ein bisschen länger aus. Aber meine Eltern wollen mit mir noch ein paar Tage in den Alpen wandern. Wenn die Anmeldung für die Seminare geöffnet wird und ich dann auf irgendeinem Gipfel kein W-Lan habe, sind die besten Plätze weg.“

 

Mit einer fatalistischen Geste der Endgültigkeit spießt sie ihre Kuchengabel in die Erdbeere, die auf ihrem Muffin thronte. Obst und Kuchen brechen unter dem Druck zusammen.

 

„O no, o no, no, no, no, no“, singe ich und gebe mir keine Mühe, mein Grinsen zu unterdrücken.

 

Cora versucht offensichtlich, beleidig zu gucken, schafft es aber nicht, sich gegen das Lachen zu wehren. Ihre Mundwinkel wandern nach oben. „Du bist gemein“, schmollt sie trotzdem noch weiter. „Die Theiss hat ein cooles Seminar angekündigt, das ich unbedingt belegen will.“

 

Jetzt hat sie mich.

 

Im letzten Semester hat Cora bereits begeistert von dem Seminar bei der Medienforscherin geschwärmt und ich habe mich im Nachhinein geärgert, ein anderes Seminar belegt zu haben. „Worum soll es gehen?“

 

„Darum, wie Medien eingesetzt werden und ob sie das erreichen, wozu sie genutzt werden.“

 

Das klingt tatsächlich gar nicht schlecht. „Die Anmeldung ist bestimmt in den nächsten Tagen offen. Zur Not …“

 

Mein Handy vibriert und wie immer seit zwei Monaten schlägt mein Herz bei dem Geräusch einen Salto. Aber es ist keine Nachricht von zu Hause.

 

Schau mal.

 

Auf diese beiden Worte von Laurenz folgt ein Link. Neugierig folge ich ihm. Wieder hüpft mein Herz höher. Eine Wohnungsanzeige. Zwei Zimmer, Küche, Bad, nicht weit von der Technischen Fakultät entfernt.

 

Unwillkürlich knabbere ich an meinem Fingernagel, während ich durch die Bilder wische. Zwei Zimmer, allein für Laurenz und mich. Es zieht in meinem Bauch, ungefähr da, wo Laurenz erst vor ein paar Tagen seine Hand auf meine Haut gelegt hat. Wir lagen auf dem Gästebett in seinem alten Zimmer bei seinen Eltern und ich habe meine Fingernägel in die Faust gepresst, um meine Lust nicht allzu laut kundzutun, als seine Hand langsam abwärts wanderte. Wenn wir unsere eigene Wohnung hätten …

 

Die Vorstellung ist irgendwie aberwitzig.

 

Ich hatte noch nie eine eigene Wohnung. Entweder habe ich bei meinen Eltern gelebt oder ein austauschbares Zimmer im Wohnheim bezogen. Bin ich bereit für eine eigene Wohnung? Was erwartet Laurenz von mir?

 

„Alles gut?“

 

Irritiert sehe ich von den Fotos auf. Ich habe Cora ganz vergessen. Sie sitzt weit vorgebeugt und sieht besorgt aus. Wieso das?

 

„Hat dein Bruder sich gemeldet?“

 

Ich zucke zusammen. Matĕj. Wird es jemals aufhören, wehzutun, sobald die Sprache auf ihn fällt?

 

„Nein, Laurenz hat mir eine Wohnungsanzeige geschickt.“ Besser ich schiebe den Gedanken an Matĕj schnell wieder weg.

 

Coras Augenbrauen wandern ein Stück die Stirn hinauf. Sie hat sich bislang sehr bedeckt gehalten, was Laurenz‘ und meine Pläne zusammenzuziehen angeht. Auch jetzt sagt sie nur „Cool. Wo?“

 

Ich schaue in den Anzeigentext. „Ratiborer Straße.“

 

„Ganz schön weit bis zur PhilFak.“ Coras Augenbrauen erreichen fast ihren Haaransatz.

 

„Na ja, mit dem Fahrrad geht’s schnell.“

 

„Hm.“ Cora klingt wenig überzeugt, aber dann flackert Neugier in ihrem Blick auf. „Zeig doch mal.“

 

Ich lege das Handy auf den Tisch zwischen uns und tippe erneut auf die Bildergalerie. Neben dem Grundriss gibt es je zwei Bilder beider Räume, der Küche und des Bads und eine Aussicht aus einem der Fenster.

 

„Na ja, da habt ihr ja viel Gestaltungsmöglichkeiten“,

 

sagt Cora mit gespitzten Lippen. Ihr ironischer Tonfall legt mir einen Klumpen in die Magengegend, der sich von den kahlen Wänden und nackten Böden auf den Bildern nährt. Kein Tisch oder Schrank, kein Vorhang. Auch aus den Küchenwänden ragen nur die Anschlüsse hervor. Ich schlucke. Laurenz und ich müssten eine Küche kaufen. Oder kann er seine mitnehmen? Passt das überhaupt? Und wie sollen wir uns einrichten? Die Möbel meines Zimmers hier in Erlangen gehören allesamt zur Wohnheimseinrichtung. Laurenz hat in seinem Apartment die Basics, ich bezweifle allerdings, dass meine Klamotten, auch wenn es nicht viele sind, noch in seinen Kleiderschrank passen.

 

Bilder vom Wohn- und Esszimmer von Laurenz‘ Eltern tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ihr Haus ist so ganz anders als mein Zuhause in Tschechien. An dem Esstisch aus Glas mit den glänzenden Beinen aus Stahl und im Licht der Designerlampe kam ich mir vor wie in einem Katalog. Alles war so hell und sauber und gleichzeitig irgendwie … kalt. Ob Laurenz das gefällt?

 

„Alena? Bist du noch da?“ Cora winkt vor meinem Gesicht auf und ab.

 

Rasch schließe ich den Browser und stecke das Handy weg. Laurenz kann ich später antworten.

„Sorry, ja. Ich hab nur überlegt, wie die Räume möbliert aussehen könnten.“

 

„Hoffentlich lebendiger“, sagt Cora. „Spürst du schon irgendwelche Vibes? Farben oder so?“

 

„Hä?“

 

„Als Sophie und ich unsere Wohnung online gesehen haben, wussten wir sofort, welche Wand wir in welcher Farbe streichen wollen. Wir haben die Fotos gesehen und es war direkt … Bämm!“ Cora klatscht so laut in die Hände und brüllt das letzte Wort heraus, dass ich erschrocken zusammenfahre und auch Leute an den Nachbartischen sich irritiert zu uns umsehen. Jetzt weiß ich zwar, was sie meint, aber eine Antwort habe ich nicht.

 

„Ich fühle kein grün oder gelb oder so“,

 

sage ich, während sich wieder die weißen Wände und der Glastisch mit Stahlbeinen vor mein inneres Auge schieben. „Der einzige Vibe, den ich gerade spüre ist Bämm, das wird teuer.“

 

Das ist ein ziemlich großes Bämm. Eines, das ich bis jetzt leider noch nicht bedacht habe. Mit meinem Deutschlandstipendium kann ich aktuell meine Miete bezahlen und für anderthalb Wochen Lebensmittel. Für alles, was darüber hinausgeht, habe ich eine HiWi-Stelle am Lehrstuhl. Macht sechshundert Euro im Monat. Damit komme ich über die Runden. Ich bin es gewohnt, sparsam zu sein.

 

„Ihr müsst ja nicht gleich alles neu anschaffen. Am schwarzen Brett oder in den Kleinanzeigen gibt’s doch oft noch gutes Zeug. Ich glaube, unsere halbe Wohnung ist vom Sperrmüll zusammengesammelt.“ Cora hat das eine Bein aufgestellt und den Arm lässig aufs Knie gelegt. Sie klingt fast gelangweilt beim Sprechen. Als ob es keine große Sache wäre, gebrauchte Möbel zu kaufen. Ist es auch nicht. Trotzdem wächst der Klumpen in meinem Magen. Wer weiß, ob Laurenz das genauso sieht. Er promoviert und verdient nicht schlecht. Seine Eltern sind verbeamtet. Ich bin das ausländische Bauernmädchen.

 

Erst als Cora ihre entspannte Haltung aufgibt und eine steile Falte sich zwischen ihre Augen gräbt, merke ich, dass ich zumindest einen Teil meiner Gedanken wohl laut ausgesprochen haben muss.

 

„Das ist Bullshit“, sagt Cora streng.

 

„Na ja, ich bin keine deutsche Staatsbürgerin und meine Eltern sind nun einmal Bauern.“

Cora wirft seufzend den Kopf in den Nacken. „Aber das ist kein Grund, dich schlechtzureden. Du hast deshalb nicht weniger Rechte, glücklich zu sein, hörst du?“

 

Ein Stück über dem Klumpen wird es warm in mir. Ich habe Cora schon öfter leidenschaftlich über soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde diskutieren hören. Aber heute gehört ihr Einsatz zum ersten Mal nur mir. Ich lächle sie an.

 

„Danke. Ich glaube, ich bin noch überfordert. Seit dem Deutschlandaustausch in der Schule träume ich davon, hier leben zu dürfen, und jetzt ist es auf einmal so greifbar. Das ist aufregend und ein bisschen … ich weiß auch nicht.“ Ich schiebe mit der Gabel die Kuchenkrümel in der Tellermitte zusammen. Immerhin dort ist jetzt Ordnung.

 

„Mach dir keinen Stress, Süße. Du musst nichts überstürzen, okay?“

 

„Okay“, sage ich leise und drücke meinen Zeigefinger in den Krümelhaufen. Ich lecke die Krümel von der Fingerspitze, ein Hauch Zimt und Orange legt sich auf meine Zunge. Ein süßer Kontrast zu den bitteren Gedanken, die mich noch nicht loslassen wollen.

vorheriges Kapitel                                                                                nächstes Kapitel

Kommentar schreiben

Kommentare: 0