Johnny
Die Kante des Spatens schrappt mit einem Geräusch über den Boden, das mir die Haare zu Berge stehen lässt. Ich hätte mir Kopfhörer aufsetzen sollen. Aber ich will das Handy nicht einschalten. Ich kann nicht. Nicht heute. Auch wenn niemand außer Markéta und Jiři meine tschechische Nummer hat, und keiner von beiden mich anrufen würde. Auf meiner deutschen Nummer werden Nachrichten eingehen, vielleicht sogar Anrufe.
Oder auch nicht.
Bestimmt sind sie alle schon so abgefuckt von mir, dass ihnen mein Geburtstag egal ist. So wie er mich nicht kümmert. Es gibt nichts zu feiern. Zweiundzwanzig Jahre. Wenn es nach ihm ginge, gäbe es mich gar nicht. Wer weiß, vielleicht wäre das gar nicht so schlimm.
Klar, deshalb bist du auch vor ihm weggelaufen, spottet eine Stimme in meinem Kopf. Wenn’s dir so egal wäre, hättest du ja bleiben können.
Ich festige meinen Griff um den Spatenstiel und schiebe das Metallblatt erneut über den Beton. Schafsköttel und Stroh lösen sich fetzenweise und bilden einen Haufen in der Ecke. Als ich den Mist in die Schubkarre hieve, steigt mir der scharfe Geruch von Amoniak in die Nase.
Nicht zu vergleichen mit dem süßen Duft, den Natálie verströmt. Unwillkürlich muss ich lächeln und es prickelt auf meiner Haut. Allein die Erinnerung an ihre Küsse, ihre Berührungen, schicken Impulse in meine Körpermitte, die der Stallarbeit nicht zuträglich sind. Ich weiß nichts über sie außer ihren Vornamen. Aber ich hoffe, sie wiederzusehen, wenn ich heute Abend in den Club gehe. Mit ihr kann ich vergessen. Mich. Die Welt. Alles.
Es rumpelt an der Stalltür und ich lasse erschrocken den Spaten fallen. Eine Hand tastet den Türrahmen entlang, schiebt sich langsam vorwärts. Ein Paar Füße folgt.
Matĕj.
Obwohl ich von ihm nichts zu befürchten brauche, beschleunigt mein Puls. Matĕj war es, der letzte Woche mein Flashback ausgelöst hat, weil er sich im Wohnzimmer betrunken und ein heilloses Chaos veranstaltet hat. Jetzt ist er nüchtern. Seine Hand gleitet suchend die Stallwand auf und ab, findet schließlich Halt am Rand einer Raufe.
Ich stehe stocksteif da und lasse ihn nicht aus den Augen. Wie er da so unsicher vor mir steht, erscheint es lächerlich, dass er mich so in Panik versetzt hat. Matĕj mag trainierter sein als ich, aber solang er mich nicht sieht, habe ich immer den Vorteil des Überraschungsmoments. Noch während der Gedanke mich durchzieht, komme ich mir mies vor. Matĕj ist kein Zootier. Er hat sich sein Schicksal nicht ausgesucht, und er hadert deutlich damit. Auch jetzt in diesem Moment. Ich sehe es an seinen angespannten Kiefermuskeln und der tiefen Falte, die seine Stirn durchzieht. Ein feuchter Schimmer liegt auf seinen Augen.
Ich räuspere mich. „Matĕj?“
Er streckt die Hand in den Raum, wendet den Kopf in meine Richtung. „Jo, bist du das?“
„Ja. Ich bin hier.“ Ich gehe zwei Schritte auf ihn zu, bis seine Hand meine Schulter berührt. Seine Finger tasten meinen Ärmel entlang, ich halte die Luft an. Er dreht seinen Kopf noch ein Stück. Wenn er sehen könnte, würden sich unsere Blicke nun treffen.
Mein Puls hat sich weitestgehend beruhigt, trotzdem überkommt mich Erleichterung, als Matĕj seine Hand zurückzieht und meinen Arm wieder freigibt. Ein Teil von mir ist noch nicht überzeugt, dass er mir nichts tun wird.
„Was machst du?“, fragt er mich.
„Sauber.“ Keine Ahnung, was ausmisten auf Englisch heißt. Vielleicht kennt Matĕj das Wort auch nicht.
Er schiebt seinen Fuß über den schmutzigen Betonboden, wohl in dem Versuch herauszufinden, ob ich das Stroh schon beseitigt habe. „Wie läuft’s?“
„Es geht. Das Stroh geht leicht weg, aber ein bisschen Mist klebt ziemlich am Boden.“ Nicht nur dort, wie ich mit einem Blick auf meine Schuhe feststelle.
Über Matĕjs Gesicht huscht so etwas wie ein Lächeln. „Stimmt. Dreißig Schafe kacken ganz schön viel. Am besten nimmst du Wasser. Damit bekommst du alles sauber.“
Er ballt beide Hände zur Faust, führt sie zusammen und zieht sie direkt wieder auseinander. Dann deutet er mit der linken Hand zum Boden und bewegt sie hin und her. Ich begreife. Ein Wasserschlauch. Auf die Idee hätte ich selbst kommen können.
„Danke für den Tipp.“
Ich sammle den Spaten wieder auf, befördere den Rest Stroh, der noch am Boden liegt, in die Schubkarre und schiebe sie zur Seite. Matĕj bleibt die ganze Zeit über an der Wand stehen, hält sich an der Raufe fest und bewegt nur den Kopf hin und her, je nachdem wohin ich gehe. Auf der anderen Seite des Stalls hängt ein Wasserschlauch aufgerollt über einem Haken. Darunter ragt ein etwas rostiger Hahn aus der Wand. Ich gehe darauf zu, drehe am Ventil. Das heißt, ich versuche es, aber das Teil klemmt.
„Gibt es einen Trick?“
„Das ist manchmal schwer“, gibt Matĕj zu. Er löst seine Hand von der Raufe, streckt sie mir entgegen. „Kannst du …?“
Wieder schlägt mein Herz schneller.
Wie letzte Woche. Als sein wütendes Brüllen mich in die Flucht geschlagen hat. Schweiß brennt in meinem Nacken.
Ich krieg dich.
Matĕjs Kopf ruckt suchend hin und her. Vorsichtig macht er einen Schritt in die Mitte des Stalls. Er setzt seinen Fuß genau auf die Stelle, wo der Beton eine kleine Kante bildet, und strauchelt. Mit einem Satz bin ich bei ihm und fange ihn auf.
„Vorsicht“, rufe ich, was jedoch in einem tschechischen Fluch untergeht. Ich habe gut reden. Ich hätte besser aufpassen sollen, statt mich von irren Ängsten lähmen zu lassen. Matĕj ist nicht er. Er wird mir nichts tun.
Matĕj hält sich zitternd an meinem Arm fest, ringt nach Luft. Ich halte ihn, bis er sich beruhigt hat, dann führe ich ihn zu dem Wasserhahn, genau auf den Boden achtend, ob sich irgendwelche Hindernisse dort befinden.
Vor dem Hahn geht Matĕj in die Knie, tastet nach dem Ventil und dreht mit aller Kraft. Quietschend gibt es nach.
„Ich wollte das immer reparieren“, sagt er.
„Läuft ja nicht weg“, murmle ich und nehme den Schlauch vom Haken. Matĕj gibt ein spöttisches Schnauben von sich, sagt aber nichts. Stattdessen lehnt er sich neben dem Wasserhahn an die Wand und wartet, während ich den Boden abspritze.
„Mach am besten beide Türen auf, dann trocknet es schneller“, sagt er, als ich den Schlauch wieder aufrolle.
„Okay.“ Sobald Vorder- und Hintertür weit offenstehen, zieht eine warme Spätsommerbrise durch den Stall. Das hat beinahe etwas von Urlaub. Es riecht wie früher, wenn ich mit Alex am Deich war. Drachen steigen lassen.
Ich beiße mir auf die Zunge. Vergangenheit. Vorbei.
In der Hosentasche nach meinen Zigaretten suchend trete ich vor die Tür. Sobald ich den Filter zwischen meinen Lippen spüre und tief einatme, schwindet der Schmerz. Gut so.
„Jo?“ Matĕj steht neben mir.
„Was?“ Ich will nicht unhöflich sein, bemühe mich um einen neutralen Tonfall. Aber eigentlich wäre ich gerade lieber allein.
„Es tut mir leid.“
Ich lasse die Zigarette sinken. „Was?“, frage ich wieder, diesmal überrascht.
„Ich wollte dir letzte Woche keine Angst machen.“
„Wie kommst du darauf, dass ich Angst vor dir hatte?“ Hoffentlich überhört er in meiner Stimme das Zittern, das meine Lüge verrät.
Matĕj tastet die Stallwand entlang und lehnt sich an die Fassade. „Meine Mutter hat dich weglaufen sehen, als ich im Wohnzimmer … Du weißt schon.“
Ja, ich weiß. Trotz der warmen Sonnenstrahlen kriecht Kälte über meine Haut.
Ich krieg dich. Hässlich. Loser. Dreck.
Die Zigarette zittert zwischen meinen Fingern, gleitet zu Boden. Shit. Ich ziehe eine neue hervor.
„Darf ich auch eine haben?“
Fast habe ich Matĕj vergessen. Ich nehme eine weitere Zigarette aus dem Päckchen, nachher muss ich dringend Nachschub besorgen, und gebe sie ihm in die Hand. Dann zünde ich erst meine, dann seine Zigarette an.
„Danke.“
„Schon okay.“
Wir blasen Rauchwölkchen in die Luft.
„Also, sorry noch mal.“
„Schon okay“, sage ich wieder, obwohl es nicht stimmt. Das heißt, Matĕj ist okay. Neben ihm zu stehen und zu rauchen, ist okay. Der Einzige, der nicht okay ist, bin ich. Aber das ist nichts Neues.
„Da bist du ja wieder.“
Natálies Augen funkeln im Licht der Neonschrift. Sie lehnt lässig an der Fassade des Clubs, die Hände in den Taschen ihrer Lederjacke vergraben, einen Fuß rückwärts gegen die Wand gestemmt, und bewegt sich keinen Millimeter. Ihr herausforderndes Grinsen macht, dass sich alles in meinem Innern vor Lust zusammenzieht. Ich kann nicht anders, als ebenfalls zu grinsen.
„Ja. Und du auch.“ Ich mache einen Schritt auf sie zu. Natálie rührt sich immer noch nicht. Kaum zwei Minuten bin ich hier, und schon bringt sie mich zum Brodeln. Wie zur Hölle macht sie das?
„Ich wusste, du würdest kommen“, sagt sie, und endlich geht eine Regung durch ihren Körper, auch wenn sie lediglich den Fuß von der Wand nimmt und das Bein lässig über das andere schlägt.
„Woher?“ Wenn ich nicht komplett unter Spannung stünde, würde ich über mich selbst lachen. Meine Hose spannt, was Natálie selbst im Halbdunkel nicht entgehen kann, ich stehe wie notgeil vor ihr, und das Einzige, was ich denken kann, ist Erlös mich.
Das Grinsen auf Natálies Gesicht wird noch ein Stück breiter und mit einem Ruck löst sie sich von der Wand und macht einen Schritt auf mich zu. Mir bleibt die Luft weg, als ihr Finger über meine Wange streicht.
„Ich weiß, was du willst“, flüstert sie. Ihr Finger fährt über meine Jacke den Oberkörper hinunter und verharrt einen Augenblick über meinem Hosenbund. Fuck, wenn sie das noch länger macht, explodiere ich.
Dann zieht sie ihre Hand wieder nach oben. Vor Natálies Handinnenfläche glänzt helles Plastik.
„Geiler Abend?“, fragt sie.
Ich keuche, starre auf die Pille in dem Tütchen. Es war ein geiler Abend letzte Woche. Ein Rausch, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Und doch habe ich seitdem nur an Natálie gedacht. Nicht an das Gras oder Ecstasy. Jetzt steht es wie ein Tor vor mir. Ein Tor, durch das ich hindurchmuss, um zu Natálie zu gelangen. Aber ist es so schlecht? Sind sie nicht beide Teil desselben krassen, befreienden Gefühls? Zwei Seiten der gleichen Medaille?
Ich will den Rausch. Will mich wieder stark fühlen. Will wieder okay sein. Mehr als okay.
„Geiler Abend“, sage ich heiser.
„Mit zehn Euro bist du dabei.“
Ohne zu zögern, ziehe ich den Geldschein aus meiner Hosentasche und schiebe ihn in ihre Jacke. Dort, wo eben noch ihre Hände waren. Das Futter ist noch warm. Gleichzeitig schiebt Natálie das Plastiktütchen in meine Hose, wobei ihre Finger wie zufällig über die Beule streifen, die den Stoff ausfüllt. Mir entfährt ein Stöhnen.
„Komm tanzen“, sagt sie und greift nach meiner Hand. Doch statt ins Innere des Clubs, zieht sie mich um das Gebäude herum. Eine Hecke versperrt die Sicht zur Straße, durch schmale Oberlichter in der Wand fällt schwaches Licht nach draußen. Die Bässe von drinnen wummern. Mein Blut pulsiert heftig in meiner Mitte.
Ich befreie die Pille aus dem Tütchen, schlucke. Im nächsten Moment drückt Natálie mich gegen die Fassade und presst ihre Lippen auf meine. Unsere Zungen umkreisen sich. Ihre Hüfte reibt an meiner. Wir tanzen.

Kommentar schreiben