Kapitel 45 - Vom Regen verschleiert

Kristina

Der Regen prasselt mit aller Kraft gegen den Bus. Durch diese Wand aus Wasser ist kaum etwas zu erkennen.

„Ist das dieses Sommerwetter, von dem alle gesprochen haben?“, fragt Joshie.

„Da hat wohl jemand Sommer und Sintflut verwechselt.“ Ich ziehe meine Pulloverärmel über die Hände. Irgendwie scheint es, als ob es durch den Regen im Bus gleich ein paar Grad kühler geworden wäre.

„Na ja, wir sind ja gerade mal aus Hamburg raus. Das Wetter wird schon noch besser.“ Joshie schaut hoffnungsvoll zum Fenster und versteckt ihre Daumen in ihren Fäusten. Vielleicht hilft das Daumendrücken tatsächlich, überlege ich und imitiere Joshies Geste in meinen Ärmeln.

In diesem Moment kommt Johnny vorbei. „Was macht ihr da?“

„Wetterbeschwörung“, murmelt Joshie.

 

Johnny zieht die Stirn kraus und lacht auf. „Nice try, aber der Zug ist abgefahren.“

 

Er zückt sein Smartphone und hält uns das Display entgegen, auf dem eine Wetter-App geöffnet ist. Der Anblick ist für alle Landratten ohne Freischwimmer mehr als ernüchternd. Nahezu über ganz Westdeutschland hängt eine tief dunkelblaue Wolke.

 

Regenwahrscheinlichkeit 100 %, Starker Regen, 35 mm Niederschlag, Höchsttemperatur 21 Grad.

 

Prima.

 

„Hast du etwas aus Bochum gehört? Findet das Festival trotzdem statt?“

 

Johnny nickt. „Noch ist nichts gecancelt. Solang es bei Regen bleibt und nicht noch Gewitter oder starker Wind einsetzen, können wir spielen.“

 

„Aber ob bei dem Wetter überhaupt jemand kommt?“ Joshie sieht unseren Bassisten zweifelnd an. Aber Johnny zuckt nur mit den Schultern, tippt auf seinem Handy herum und dreht es uns wieder zu. Ein Video mit dem Datum von gestern zeigt Menschen, die im strömenden Regen vor einer Bühne feiern.

 

„Publikum ist da“, sagt Johnny in einem Tonfall, als hätte er höchstpersönlich all diese Leute vor die Bühne gelockt.

 

„Na dann, auf zum Festival. Regen gehört wohl irgendwie zu der Saison dazu, hab ich gehört.“ Joshie löst ihre Daumen aus den Fäusten und lehnt sich entspannt in ihrem Sitz zurück.

 

Ich schließe die Augen und lege meinen Kopf gegen die Fensterscheibe und versuche, ein ähnliches Entspannungslevel wie Joshie und Johnny zu erreichen. Am Wetter können wir nichts mehr ändern, und wir werden immerhin dafür bezahlt, dass wir nass werden.

 

Unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein, als sich die Türen unseres Tourbusses öffnen. Hier soll ich jetzt raus?

Durch die Regenwand kann ich kaum erkennen, was mich einen Meter weiter erwartet. Die Regenjacke, die ich mir eben übergezogen habe, kommt mir mit einem Mal lächerlich vor. Auch Freddy vor mir zögert und starrt in die nasse Welt vor dem Bus. Schließlich gibt er sich jedoch einen Ruck.

 

„Augen zu und durch“, sagt er, dann spurtet er los.

 

Ich atme noch einmal tief durch und renne ihm hinterher, die Kapuze mit beiden Händen festhaltend.

Bis zu dem Zelt, das den Backstage darstellt, sind es nur ein paar Meter, doch der Weg ist trotzdem lang genug, um nass zu werden.

 

„Herzlich Willkommen, schön, dass ihr hier seid.“

 

Eine Frau in Festival-T-Shirt kommt freudestrahlend auf uns zu. Sowohl ihr Shirt als auch ihre Haare sehen aus, als wären sie heute schon mehr als einmal nass geworden und nur halb wieder getrocknet.

 

„Ich wusste nicht, dass das Festival unter Wasser stattfindet“, sagte Ben, wohl in dem Versuch, locker und entspannt rüberzukommen.

 

Die Frau, auf deren Festivalpass der Name Mira steht, verzieht keine Miene. Vermutlich hat sie diesen Witz schon öfter gehört. „Das erste Mal nass zu werden, ist eklig, danach ist alles egal.“

 

Mira händigt uns unsere Backstagepässe aus und zeigt uns, wo wir bleiben können.

Johnny sucht gleich den Kontakt zu den Stagehands und ist nach wenigen Sekunden aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich entledige mich meiner Regenjacke und hänge sie neben dem Zelteingang an eine Kleiderstange, unter der sich bereits ein dunkler Wasserfleck auf dem Holzboden gebildet hat.

 

Der Regen knallt auf die Zeltplane, hüllt alles in dröhnendes Rauschen, durch das nur die Bässe von der Bühne dringen. Rhythmisch verschoben.

 

Bis zu unserem Auftritt dauert es noch zwei Stunden. Was soll ich bis dahin machen?

Hier im Zelt gibt es zu essen und zu trinken und eine Sitzecke, die nett aussieht, durch den Regen dennoch ungemütlich wirkt. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Bühne hier nicht weit vom städtischen Konzerthaus entfernt ist, und überdies direkt neben dem Kneipenviertel liegt.

 

Ich ziehe mein Handy hervor, checke die Landkarte. Bis zum Konzerthaus sind es nicht einmal zweihundert Meter. Interessieren würde es mich schon, die Fotos im Netz sehen vielversprechend aus. Außerdem ist es bestimmt schön ruhig. Aber außerhalb eines Konzerts komme ich wahrscheinlich sowieso nicht in den Saal, und im Foyer werden sie auf durchnässte Menschen auch verzichten können. Ich zoome in eines der Bilder vom Konzertsaal. Helles geschwungenes Holz, das eine grandiose Akustik verspricht.

 

Wenn ich dort spielen dürfte, würde ich …

Noch ehe ich eine Stückauswahl treffen kann, durchfährt es mich eiskalt.

Was denke ich hier überhaupt?

 

Mein Recht in Konzertsälen aufzutreten, habe ich vor zehn Jahren verspielt. Auch wenn ich noch zwei Jahre lang so getan habe, als gäbe es diesen Weg noch. Nein, es ist vorbei.

Aber was ist mit Irenas Nachricht von neulich? Das Konzert in der ElPhi? Sie hat mich eingeladen.

 

Oder will sie vielleicht gar nicht mich? Wäre ich nur ein billiger Ersatz für …

 

Ich schnappe nach Luft, schlucke angestrengt. Keine Tränen. Die ändern auch nichts mehr.

Vergiss das Konzerthaus, Kristina. Deine Bühne ist eine andere.

 

Ich bohre die Fingernägel in meine Fäuste und lenke meine Aufmerksamkeit auf die Bässe, die durch den Regen dringen. Die Baseline ist einfach, nicht so ausgefeilt wie bei Johnny. Aber sie erfüllt ihren Zweck. Jubel mischt sich ins Regenrauschen.

Gleich wird es unser Applaus sein. Applaus unter anderem für mein Lied, von dem niemand weiß, dass ich es geschrieben habe. Ich werde in zweiter Reihe stehen, wo ich hingehöre. Das ist gut so.

 

Ich glaube, ich habe noch nie so nasse Menschen gesehen.

 

Haare und Kleidung kleben am Körper, während das Wasser nur so an den Leuten herabfließt. Aber sie harren aus und begrüßen uns mit wildem Jubel, als wir die Bühne betreten.

 

Die Bühne ist überdacht, aber auch hier hat das Wetter, zumindest an der vorderen Kante, Spuren hinterlassen. Freddy wagt sich trotzdem mit seiner Gitarre nach ganz vorn.

 

„Bochum! Seid ihr gut drauf?“

 

Als ob strahlender Sonnenschein herrschen würde, beantwortet das Publikum Freddys Begrüßung mit begeistertem Applaus.

Joshie zählt ein und wir beginnen mit Run.

 

„Wahnsinn“, brüllt Freddy den Leuten zu, die im nicht enden wollenden Regen zu unserer Musik auf und ab hüpfen und klatschen. „Wir sind in Hamburg ja einiges an Regen gewöhnt, aber mir scheint, heute können wir von euch noch einiges lernen.“

 

Er tritt zur Seite und überlässt das Mikro Ben, der spontan Singing in the Rain anstimmt und den Text kurzerhand in Laughing in the Rain umdichtet. Das war nicht geplant, aber die Nummer kommt gut an, zumal auch Ben und Freddy inzwischen mehr als nur nasse Füße haben.

 

Dann ist es so weit. Freddy tritt ans Mikro und stößt einen anerkennenden Pfiff aus.

„Wir haben euch etwas mitgebracht. Nein, leider keinen Sonnenschein, der war ausverkauft.“

 

Ein langgezogenes „Ohhh“ geht durch das Publikum.

 

„Aber dafür haben wir einen neuen Song für euch. So neu, dass er nicht einmal auf dem neuen Album drauf ist.“

 

„Eigenwerbung Ende“, wirft Ben dazwischen.  

 

Freddy lacht. „Okay, okay. Also, danke, dass ihr trotz Regen hier seid. Hier ist für euch Feels like a Memory.“

 

Applaus, während dessen Freddy einen Blick über die Schulter wirft, mich fragend ansieht. Ich beiße mir auf die Lippen, atme tief ein. Freddy, Joshie, Johnny und Ben sind bei mir, Freddy wird singen. Ich bin nicht allein. Mit ihnen kann ich das hier schaffen. Ich nicke Freddy zu.

 

Wir haben den Song anders arrangiert als ursprünglich von mir komponiert. Statt Klavierintro spielt Freddy ein paar Takte auf der E-Gitarre und ich werfe leise Akkorde als Echo ein.

 

I guess you wonder

Why I no longer give a buzz

Everything just seemed so pure

Ain’t there any chance for us?

 

Die Inears tragen Freddys Gesang direkt in meinen Kopf. Seine Stimme hat einen raueren Klang als sonst, trotzdem dringen die Worte glasklar zu mir vor. Fahren in mein Fleisch wie frisch geschliffene Klingen.

 

Sometimes love feels like a memory

That hurts too much to keep

 

Das verhasste Zimmer. Die Tür. Die Fragen, das Schweigen. Töne, die ich so nie wieder hören werde. Es drückt mir die Luft aus den Lungen. Völlig egal, dass Freddy den Song singt und niemand weiß, was hinter dem Text steckt. Ich weiß es. Ich fühle es. Mit jeder Faser meines Körpers.

 

What can I hold on to?

Feel the pain.

If I let go

What will I gain?

 

Was vom Regen noch nicht verschleiert ist, verschwimmt vor meinem Blick, bis ich nur noch grauen Nebel mit einzelnen undefinierbaren Farbtupfern erkenne. Blind lasse ich meine Hände über die Tasten des Keyboards gleiten, finde die Töne auch so. Es klingt harmonisch.

 

In mir ist es alles andere als das. Ich spiele und singe auf Autopilot. Das, was ich fühle, gestatte ich mir nicht, in die Musik zu legen.

 

Lass dir nichts anmerken.

 

Der Satz galt damals. Er gilt jetzt.

 

If my memories are fading

Tell me, what will remain?

 

Freddy hebt schwungvoll die Schlaghand und reckt sie über seinen Kopf.

Ich atme aus. Es ist geschafft. Der Song ist vorbei. Die letzten Tränen brennen hinter meinen geschlossenen Augenlidern und ich blinzle sie energisch weg.

Das Publikum klatscht, ein paar Leute pfeifen.

 

„Danke schön!“

 

Während Freddy als nächsten Song Trust ankündigt und dafür wie erwartet begeisterten Jubel erntet, gelingt es mir, mich zu sammeln und eine fröhliche Miene aufzusetzen.

 

Es kann weitergehen.

 

Nach dem Gig geben wir im Backstage einem lokalen Musikmagazin noch ein Interview und machen mit ein paar Selfies mit Fans. Keine einzige Minute hört es auf zu regnen und so tropfen wir erst einmal den Eingangsbereich voll, als wir später wieder in unseren Bus steigen.

 

„Jetzt haben wir die Härteprobe, was Festivals angeht, wohl bestanden, oder?“ Freddy löst das Haargummi aus seinem Zopf und schüttelt sich.

 

„Bäh. Kannst du nicht irgendwo anders headbangen?“, meckert Johnny, dem Freddy seine nassen Haare ins Gesicht geschlagen hat.

 

Freddy macht mit entschuldigender Miene einen Schritt zur Seite, aber Joshie grinst nur. „Du hast doch gehört, was Mira gesagt hat. Nur das erste Mal nasswerden ist eklig.“

 

„Das ist ihre Sicht der Dinge“, murmelt Ben. „Ich will jetzt jedenfalls was Trockenes anziehen.“

 

Piet reicht jedem von uns ein Handtuch und grinst uns verheißungsvoll an. „Okay, zieht euch fix um. In zehn Minuten treffen wir uns vorne. Es gibt Neuigkeiten.“

 

Die Jungs verschwinden nach hinten in die Lounge, Joshie und ich ziehen vorne die Vorhänge vor die Fenster und schälen uns aus unseren nassen Hosen und T-Shirts. Natürlich brauchen wir keine zehn Minuten, um uns umzuziehen. Obwohl die nassen Klamotten an der Haut kleben, haben wir sie in Windeseile gegen gemütliche Aladinhosen und T-Shirts ausgetauscht. Piets Grinsen bei seiner Ansage spornt uns an. Nach fünf Minuten kommen die Jungs so gut gelaunt zu uns, als hätte es den Regen gar nicht gegeben.

 

„Sag an, Piet, was gibt es für Neuigkeiten?“, fragt Ben und fläzt sich mit einer Cola neben Joshie in die Sitzgruppe.

 

„Was Gutes?“, hakt Freddy nach.

 

Das Grinsen auf Piets Gesicht wird breiter, aber er sagt nichts. Stattdessen drück er die Fingerspitzen gegeneinander und wippt mit den Händen vor und zurück. Wir hängen an seinen verschlossenen Lippen.

 

Joshie ist die erste, die es nicht mehr aushält zu warten. „Mann, komm schon, Piet. Was ist es?“

 

Piet lässt die Hände sinken und lacht. „Okay, okay. Es geht um die Show zur Membran-Verleihung.“

 

„Was ist damit?“, fragt Johnny.

 

Die Membran ist der aktuell wichtigste Musikpreis in Deutschland. Wir werden in der Show, die im Fernsehen übertragen wird, auftreten und einen unserer neuen Songs live spielen. Aber das ist keine Neuigkeit, der Termin steht schon seit Monaten fest.

 

„Ihr sollt nicht nur spielen“, sagt Piet leise. Er hält die Luft an, seine Zunge schiebt sich zwischen die Lippen, dann lässt er die Bombe platzen. „Ihr seid nominiert.“

 

„What?“, entfährt es Joshie.

 

„Nicht dein Ernst.“ Freddy umklammert seine Mate-Flasche mit beiden Händen.

 

Johnny schlägt sich die Faust vor den Mund und sinkt im Sitzpolster zurück. „Alter Falter.“

 

Ben und ich bleiben stumm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich richtig verstanden habe, was Piet da eben gesagt hat. Also, klar, ich habe es gehört. Aber kapiert?

Ein Musikpreis. Nein, DER Musikpreis. Und wir sind wirklich nominiert?

 

„In der Kategorie Band National.“ Piet grinst noch immer.

 

„Das ist … “ Ich hätte nicht gedacht, dass ich Ben einmal so sprachlos erlebe, aber mehr als die zwei Worte bringt er nicht heraus.

 

„Krass“, füllt Joshie die Lücke.

 

Piet nickt. „Ist es. Aber ihr habt es euch echt verdient. Glückwunsch, ihr Hasen.“

 

Wir grinsen uns an. Dass Piet anfängt, seltsame Spitznamen zu geben, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie überrascht und emotional er selbst ist. Er steht auf, holt ein paar Snacks aus der Bordküche und verteilt sie auf dem Tisch.

 

Während wir uns an Chips und Schokolade bedienen und der Bus durch den immer noch dichten Regen Richtung Belgien rollt, realisieren wir nach und nach die unfassbare Neuigkeit. Mal rufen wir aufgeregt durcheinander, mal verfallen wir in Schockstarre, als wir sehen, wer mit uns in der gleichen Kategorie nominiert ist.

 

Ben scrollt auf dem Tablet durch die Mail, in der uns unsere Nominierung mitgeteilt wird, dann klickt er auf eine Fotogalerie.

 

„Was so’n Ding wohl wiegt?“, fragt Johnny, als ein Bild von der Membran angezeigt wird.

 

Ich schlucke, wende den Blick ab.

 

„Wieso interessiert dich das denn?“, fragt Ben.

 

„Na, stell dir vor, wir gewinnen und ich lasse das Teil fallen, weil mir die Hände zittern.“

 

„Hast du von der Ausbildung nicht noch Schuhe mit Stahlkappen? Zieh die halt an“, meint Freddy.

 

Die Idee ist gar nicht schlecht. Die halb vergoldete Edelstahlskulptur ist kein Fliegengewicht. Ich habe sie bereits in der Hand gehabt. 

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