Kapitel 7 - Ausbruch

Johnny

Unglaublich, wie viel Kraft dreißig Schafe haben. Zweimal haben sie mich beinahe zu Boden gerissen, als ich mit dem Kraftfutter auf sie zugekommen bin. Wie ausgehungert haben sie sich darauf gestürzt und sich unter lautem Blöken gegenseitig von den Wannen weggeschubst. So viel zu dem Thema niedliche, flauschige Tiere. Aber jetzt sind sie alle im Stall und ich muss mich erst morgen wieder mit ihnen beschäftigen.

Meine Hände kleben, an meiner Hose und meinen Schuhen hängen Stroh und Schafsmist. Ich sollte mich waschen und umziehen, bevor es gleich Abendessen gibt. 

Als ich die Schuhe von den Füßen streife, dringt eine Stimme aus dem Wohnzimmer.

 

„Ahoj“, rufe ich, in der Annahme, dass Markéta dort ist.

 

Doch es ist nicht die Bäuerin, die mir antwortet. Eine männliche, tiefe Stimme tönt durch den Flur. Verwaschen, laut, undeutlich.

Ich erstarre.

 

Da isser ja.

 

Glas klirrt. Hell. Scharf. Gluckern.

 

Soll au nix … verpassn.

 

Schweiß auf meiner Haut. Es kribbelt. Mein Herz rast.

Er brüllt. Glas klirrt, zerspringt.

 

So ne Scheisse.

 

Gleich ist er da. Ich muss mich verstecken. Aber wo? Keine Chance, er weiß, dass ich hier bin. Ich habe mich verraten. Er wird mich finden.

Das Brüllen wird lauter. Scheppern. Ein Knall.

 

Komm her du Pisser.

 

Ich muss hier weg. Er darf mich nicht kriegen. Herzrasen. Luftnot. Tunnelblick. Weg. Weg. Weg.

 

Endlich setzen meine Füße sich in Bewegung. Schlüpfen in die Schuhe. Ich laufe. Ohne nach links oder rechts zu schauen. Weiter. Nicht stehen bleiben. Er darf mich nicht kriegen.

 

Weg.

 

Seitenstechen. Der Schmerz zieht meinen Rücken hoch. Weiter. Drückt auf meine Brust. Lauf!

 

Ein Bus fährt in die Bucht der Haltestelle. Ich kann nicht mehr, beschleunige trotzdem. Die Tür öffnet sich, ich springe rein. Der Bus fährt ab.

 

Keuchend kralle ich mich an die Stange. Er ist nicht da. Ich bin entkommen. Fürs erste.

 

Warte nur. Ich krieg dich.

 

Nein. Nicht jetzt.

 

Als ich wieder atmen kann, ohne das Gefühl zu haben, dass meine Lunge zerspringt, schaue ich aus dem Fenster in die Dämmerung. Wohin fahre ich überhaupt? Links und rechts sind Felder. Liegen sie hinter oder vor Malesice? Egal, erst einmal Abstand.

 

Da, das Ortsschild von Pilsen. Ich bin also den Weg zurückgefahren, den ich neulich gekommen bin. Aber was soll ich in der Stadt?

 

An der nächsten Haltestelle steige ich aus. Stadtrand. Ein paar Wohnhäuser, Werkstätten. Ich laufe ziellos die Straße entlang. Schritte hinter mir. Mein Puls schnellt in die Höhe. Ist er mir doch nachgekommen?

 

Wenn ich dich in die Finger kriege …

 

Ich ziehe die Schultern ein. Erwarte den Angriff von hinten.

 

Ein Junge mit Hund an der Leine überholt mich. Zitternd atme ich aus.

Nur ein Junge. Er tut dir nichts, sage ich mir wieder und wieder. Trotzdem beobachte ich ihn genau, wie er vor mir die Straße entlangläuft. Schließlich verschwindet er hinter einem Gartentor und kurz darauf fällt eine Haustür ins Schloss. Glück gehabt.

 

Ich gehe weiter, schiele nach links und rechts, achte auf jedes Geräusch.

 

Er liebt es zu spielen. Vielleicht wartet er nur hinter einer Ecke. Ich atme durch den Mund. Meine Brust ist eng.

 

Musik.

 

Musik? Ich drehe den Kopf. Vom Ende der Straße dröhnen Bässe mir entgegen. Noch sehr dumpf, aber ich kann sie spüren. Ein Wummern drückt gegen meinen Bauch. Meine Füße laufen wie von allein in die Richtung, aus der die Bässe kommen. Das Wummern vibriert unter meinen Rippen.

 

Am Ende der Straße steht ein flaches Gebäude mit blaugrüner Neonschrift an der Fassade. Vor der halb geöffneten Tür stehen Leute, rauchend, trinkend, redend. Über die Bässe erkenne ich nun auch Gitarren. Nicht besonders einfallsreich. Freddy spielt besser.

Schmerz durchsticht die Vibration. Nicht an Freddy denken!

 

Ich taste in der Hosentasche nach meinen Zigaretten. Vergeblich. An der Fassade hängt ein Zigarettenautomat, aber nach Geld brauche ich gar nicht zu suchen. Shit. Meine Fingerspitzen kribbeln. Jeder Vorsicht zum Trotz zieht es mich zu einer kleinen Gruppe, die rauchend nahe des Eingangs steht. Schwerer süßlicher Geruch steigt mir in die Nase.

 

„Hi, habt ihr vielleicht auch was für mich?“, frage ich auf Englisch.

 

Ein Typ mit zerzausten Haaren und nietenbeschlagenem Parker sieht mich spöttisch an. „Geschenkt? Vergiss es.“

 

Ein Mädchen in einem kurzem engen Kleid und knapper Jeansjacke wirft ihm einen tadelnden Blick zu und sagt etwas auf Tschechisch. Dann macht sie einen Schritt auf mich zu. „Hör nicht auf Jakub. Ich teil gern mit dir.“

 

Sie streckt mir ihren Joint entgegen und lächelt. Ich inhaliere gierig. Der Geschmack von Erde legt sich auf meine Zunge. Ich lehne mich an die Fassade, schließe die Augen. Das ist gut. Langsam hat mein Herz wieder mehr Platz unter den Rippen.

 

„Danke.“ Ich gebe ihr den Joint zurück.

 

„Gerne.“ Sie nimmt einen Zug. „Wie heißt du?“

 

„Jo.“

 

„Ich bin Natálie. Bist du neu hier?“ Sie reicht mir noch einmal den Joint.

 

„Kann man so sagen“, murmle ich.

 

Natálie hebt einen Mundwinkel und kreuzt die Arme vor der Brust. „Besonders zu gefallen scheint es dir hier aber nicht. Siehst nicht gerade glücklich aus.“

 

Statt einer Antwort, ziehe ich noch einmal an dem Selbstgedrehten.

 

Das Zeug ist nicht schlecht. Und diese Natálie sieht unverschämt heiß aus, wie sie mich herausfordernd mustert. Ihr blondes Haar sitzt perfekt in einer Flechtfrisur, doch sie tut, als würde sie sich eine Strähne aus der Stirn streichen.

 

„Schlechten Tag gehabt?“

 

„Kann man so sagen“, wiederhole ich. Der Joint ist nur noch ein kurzer Stummel zwischen meinen Fingerspitzen. Ich sehe Natálie fragend an, doch sie schüttelt den Kopf.

 

„Passt schon. Ich hab noch was Besseres.“

Sie zieht mich am Arm ein Stück näher zu sich, weg von der Gruppe, und schaut prüfend über meine Schulter. Ihre langen Wimpern wölben sich bis an ihre Augenbrauen, als sie mich ansieht. Der Schriftzug über dem Eingang wirft einen blassgrünen Schatten auf die linke Hälfte ihres Gesichts.

 

„Du siehst aus, als wolltest du entkommen.“

 

Ich zucke zusammen und beiße mir auf die Zunge. Entkommen. Escape. Es tut so weh. Mit tränenden Augen nicke ich. Weg von den Erinnerungen. Nie wieder daran denken.

 

„Du kannst stark sein und alles erreichen.“ Natálie fährt mit Zeige- und Mittelfinger über mein Jochbein. Ich lehne mich ein Stück vor. Ihre Lippen glänzen.

 

Sie greift in ihre Jacke, hält ein kleines durchsichtiges Plastiktütchen zwischen uns. Eine einzige hellgrüne Tablette mit Prägung liegt darin. Natálie lächelt herausfordernd und fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

 

„Was ist? Machst du aus dem Scheißtag einen geilen Abend?“

 

Mein Mund ist trocken, mein Herz pocht laut und mein Blut sammelt sich an sehr zentraler Stelle. Ich will stark sein, die schmerzenden Erinnerungen loswerden, die Angst abschütteln, den Rausch – und ich will Natálie.

 

„Ich bin total blank“, sage ich mit bedauerndem Blick auf das Plastiktütchen, das zwischen ihren Fingern hängt.

 

Sie grinst. „Heute geht’s auf mich“, sagt sie und drückt mir das Tütchen in die Hand. Krass, meint sie das ernst? Ich warte nicht, ob sie es sich anders überlegt, sondern werfe die Pille ein. Natálie wirkt zufrieden.

 

„Okay. Kommst du mit tanzen?“ Ohne ihrerseits eine Antwort von mir abzuwarten, ergreift sie meine Hand und zieht mich durch die Tür in das Innere des Clubs. Das blaugrüne Neonlicht setzt sich drinnen fort, flackert im Halbdunkel. Die Bässe dröhnen in meinem Kopf, lassen meine Bauchdecke erzittern. Die Boxen in den Ecken sind zu groß für den Raum. In meinem früheren Leben als Veranstaltungstechniker hätte ich ein anderes Set-Up gewählt. Aber mein früheres Leben ist vorbei.

 

Es durchfährt mich wie ein Stromstoß, als Natálie mich mit sich auf die Tanzfläche zieht, zwischen dutzende sich wild bewegende Körper. Das Weiß ihrer Augen leuchtet im starken Kontrast zu ihren dunklen Wimpern und ein paar Flusen auf ihrem Kleid fluoreszieren. Sie verschränkt ihre Hände an meinem Nacken, bewegt ihre Hüften eng an meinen im Takt der Musik. Schweiß bricht mir aus. Ich trage noch immer den Pullover, den ich im Stall getragen habe. Egal.

 

Ich lege meine Hände auf Natálies Hüften, spüre mit den Fingerspitzen ihre straffen Pomuskeln. Ihre kreisenden Bewegungen übertragen sich auf mich. In meiner Leistengegend zieht es. Ein Lächeln legt sich auf Natálies Gesicht. Ihre Finger wandern meinen Hals entlang und hinterlassen ein heißes Kribbeln auf jedem Zentimeter Haut, den sie hinter sich lassen.

 

„Was tust du mit mir?“, sage ich heiser. Meine Worte gehen in der Musik unter.

Natálie gibt dennoch Antwort. Und verdammt, wie sie antwortet. Sie zieht meinen Kopf zu sich. Ihr Atem streift meine Haut. Dann presst sie ihre Lippen auf meine.

 

Keine sanfte Berührung, kein vorsichtiges Rantasten. Der Druck ist sofort da. Sie beißt auf meine Unterlippe, saugt daran. Ich schiebe meine Zungenspitze vor. Sofort erwidert sie meinen Vorstoß. Kreisende Bewegungen. Oben und unten. Schneller, fordernder, hemmungslos.

 

Natálie schmeckt nach Rauch und süßer Orange. Dazwischen eine würzige Note. Es macht mich rasend. Ich will noch näher an sie. In sie. Sie hat recht. Ich bin stark, ich kann alles erreichen. Aber heute Abend brauche ich nicht alles. Ich brauche nur Natálie. 

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