Freddy
Der Himmel ist wolkenverhangen und ein paar rotverfärbte Blätter an den Bäumen zeigen deutlich, dass der Herbst begonnen hat. In meiner Jacke ist mir dennoch viel zu warm. Ich stehe am Eingang von Planten un Bloomen und ziehe den Reißverschluss auf. Was mache ich hier eigentlich? Wie bin ich auf die bescheuerte Idee gekommen, dieses Treffen vorzuschlagen?
Jeder Kontakt, dem ich mich zu weit öffne, bedeutet Gefahr.
Und Judith hat so etwas an sich, dass ich ihr viel zu viel erzählen möchte. Dabei kenne ich sie praktisch überhaupt nicht. Mein verräterisches Herz scheint das allerdings nicht zu kümmern, denn es schlägt schneller, als Judith die Straße entlang kommt.
Ein paar blonde Strähnen haben sich aus ihrem Zopf gelöst und flattern um ihr Gesicht im typischen Hamburger Wind.
Wunderschön, schießt es mir durch den Kopf. Verdammt, was denke ich da?
„Hi“, sagt sie und umarmt mich.
Verblüfft erwidere ich die Geste und hoffe, dass mir ein lockeres Lächeln gelingt, während ich mich bemühe, mein Herz zu beruhigen. Sie ist nur mein Fixpunkt vom letzten Gig. Ein Mädchen aus dem Publikum, für das ich gern gesungen habe. Aber nicht mehr.
Ja klar. Irgendwo in meinem Hinterkopf sitzt eine kleine fiese Stimme, die unkontrolliert spöttisch loskichert.
„Hey“, bringe ich endlich hervor. „Schön, dich zu sehen.“
Ihre Augen leuchten. „Ich freu mich auch. Wie fühlt es sich an, wieder in Hamburg zu sein?“
„Großartig“, antworte ich.
„Es geht doch nichts über eine frische Hamburger Brise.“
Ohne uns abzusprechen oder dass einer von uns eine Route vorgibt, schlagen wir einen Weg durch den Park ein. Ich beobachte sie aus den Augenwinkeln, sie geht aufrecht, aber vorsichtig, als würde sie niemanden stören wollen. Und obwohl wir nebeneinander herlaufen und eine halbe Armlänge Abstand halten, habe ich das Gefühl als wäre sie ganz bei mir. Ein Gefühl, das mir abwechselnd wohlige Schauer über die Haut jagt und dann all meine Antennen in Lauerstellung bringt.
„Wie sind die Leute in deiner WG?“
Ein Glück. Die Frage ist ungefährlich. Bereitwillig erzähle ich Judith von meinen Mitbewohnern, und sie lacht über meinen Bericht vom letzten Wochenende, als unser Kochabend etwas eskaliert ist und Sascha beinahe die Mikrowelle gesprengt hätte, weil er eine Metallschüssel reinstellen wollte.
„Autsch. Aber das hätte auch eine Aktion von meinem Bruder sein können.“
„Echt? Wie alt ist er?“
„Na ja, zwölf. Da ist das vielleicht noch zu verzeihen“, sagt sie, noch immer lachend. „Hast du Geschwister?“
Ich strecke den Rücken durch. Fuck. Jetzt wird es persönlich. Ich muss aufpassen. „Einen jüngeren Bruder. Finn ist dreizehn.“
„Cool. Versteht ihr euch gut?“
Ich beiße die Zähne zusammen.
Das, was Finn und mich verbindet, kann ich nicht in zwei Sätzen beschreiben.
Und mehr darf ich nicht sagen, wenn ich ihn nicht in Gefahr bringen will. Uns alle. Finn, Mama und mich.
Ich nicke hastig und hoffe, dass Judith das als Antwort genügt. „Und du?“
„Ja, ich liebe meine Geschwister.“
„Du hast mehrere?“, frage ich überflüssigerweise.
„Drei. Elias ist zwölf, Ruth fünfzehn und Samuel neunzehn. Ihn kennst du ja.“
Einen Moment lang sehe ich sie wohl etwas irritiert an. Dann fällt der Groschen.
„Samuel ist dein Bruder?“ Warum hüpft mein Herz bei dieser Erkenntnis, verdammt noch mal?
Sie sieht mich aus ihren braunen Augen an und lächelt als wenn ihr noch nie im Leben etwas Schlechtes widerfahren wäre und irgendein überirdisches Licht aus ihr leuchtet. O Mann, ist das kitschig. Aber genauso sieht es aus.
„Warum bist du neulich so plötzlich weg?“
„Meiner Mutter ging es nicht so gut.“
„Geht es ihr jetzt wieder besser?“
Mit einem Ruck bleibe ich stehen und starre Judith an. Ich kann nicht fassen, was ich da gerade gesagt habe. Was ich preisgegeben habe. Sie hat mich mit ihrem Lächeln komplett eingewickelt. Scheiße.
„Freddy? Ist alles okay?“ Sie streckt vorsichtig ihren Arm aus, berührt mit den Fingerspitzen meinen Arm.
Nichts ist okay.
Ich war auf dem besten Weg einen riesengroßen Fehler zu machen. Meine Haut prickelt unter Judiths Berührung, obwohl zwei Schichten Stoff dazwischen liegen. Ich weiche einen Schritt zurück. Abstand halten, damit ich mich nicht noch tiefer reinreite. Sie zieht ihren Arm ebenfalls zurück und sieht mich betroffen an. Ihr flackernder Blick zerreißt mir fast das Herz. Klar, dass dieses verdammte Ding auch noch einen stummen Kommentar abgeben muss!
„Ja ja, schon gut. Ich muss gleich los.“ Ich sehe an Judith vorbei, in der Hoffnung, dass sie meine Lüge nicht erkennt. Mama hat ausdrücklich gesagt, dass ich den Nachmittag nutzen soll, um meine Freunde zu sehen. Mit Johnny bin ich allerdings erst in anderthalb Stunden verabredet. Aber ich muss jetzt hier weg. Wie konnte ich so naiv sein und glauben, dass ein Spaziergang mit Judith ungefährlich sein könnte?
Ich bringe noch ein paar zusätzliche Zentimeter Abstand zwischen uns und lenke meine Schritte entschlossen gen Ausgang. Judith geht mit gesenktem Kopf neben mir her.
„Freddy, ich wollte nicht …“
„Vergiss es“, unterbreche ich sie. „Erzähl was von dir. Was steht bei dir nächste Woche an?“
Judith gibt ein lustloses Grummeln von sich. „Wir fahren Montag auf LK-Fahrt nach England. Cambridge, London und so weiter.“
„Klingt doch cool.“
„Vielleicht, aber ich hab trotzdem keine Lust.“ Sie zuckt mit den Schultern und sieht auf den Weg. Ich kenne diese Reaktion, hab sie selbst oft genug gegeben.
Es steckt mehr dahinter.
Aber sie wird nicht drüber reden. So wie ich nicht über Mama rede.
Zurück auf der Straße bleiben wir nebeneinander stehen. Der Wind zieht an Judiths Strähnen und weht sie über ihre Augen, sodass ich ihren Blick nicht richtig erkennen kann. Es juckt mich in den Fingerspitzen, ihr das Haar hinter die Ohren zu streichen und … Ich balle die Hände zu Fäusten. Zur Sicherheit. Judith vergräbt die Hände in den Taschen.
„Na dann“, sage ich.
„Bis bald.“ Ihre Stimme ist dünn und lässt ihre Abschiedsworte wie eine Frage klingen. Ich nicke und sie wendet sich hastig ab. Verdammt, ich habe es komplett verbockt.
„Mann, das muss ja richtig scheiße in Bayern sein. Du siehst aus wie 31 Tage Regen im November.“ Johnny rückt sein Basecap hin und her und lehnt sich im Sessel zurück.
„Hat der November nicht nur 30 Tage?“, frage ich irritiert.
„Eben.“ Johnny trinkt einen Schluck Cola, lässt mich dabei aber nicht aus dem Blick. „Ehrlich, Mann, was ist los? Das ist doch nicht nur der übliche Stress, oder?“
Ich halte meine Mate-Flasche in der Hand und lasse das Handgelenk kreisen. Das Getränk dreht sich in Ellipsenform am Glas entlang. Üblicher Stress. Ich wünschte, es wäre so leicht.
Vielleicht sollte ich mich einfach mit dem begnügen, was ich habe.
Mama, Finn, die Band. Aber Judiths Blick eben, bevor sie gegangen ist, killt mich. Ich habe sie verletzt, wissentlich – und willentlich. Denn ich würde es wieder so machen. Weil ich muss. Ich habe schon öfter Menschen auf diese Art weggestoßen. Aber noch nie hat es so wehgetan wie heute.
Johnny beugt sich vor, sieht mich über den Flaschenhals hinweg an.
„Also, so wie du schweigst, würde ich sagen, da ist ein Mädel im Spiel.“
Ich zucke nur mit den Schultern. Hat sich ja jetzt erledigt. Aber Johnny sieht sich in seiner Vermutung bestätigt.
„Ha, ich hab’s gewusst. Kenn ich sie?“
Genervt stelle ich meinen Mate auf den fleckigen Couchtisch im Proberaum. Aber jetzt ist es sowieso egal, ich kann meinem besten Freund genauso gut antworten.
„Ich hab mich mit Judith getroffen.“
Johnny reißt die Augen auf und pfeift anerkennend durch die Zähne. „Nicht schlecht. Aber?“
Sie ist zu gut für mich. Die Offenheit, die sie mir entgegengebracht hat, kann ich nicht erwidern. „Ich hab’s verkackt.“
„Hast du …“
„Bitte, Johnny, frag nicht weiter. Lass uns einfach ne Runde jammen.“
„Okay, mach n Song draus“,
sagt er und wirft mir ein paar Drumsticks zu, die an den Enden schon arg in Mitleidenschaft gezogen sind. Da meine Gitarre in meinem WG-Zimmer steht und ich am Klavier ne Niete bin, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich ans Schlagzeug zu setzen, während Johnny seinen Bass zur Hand nimmt. Zwar kann ich nicht viel mehr als ein paar einfache Rock-Beats, aber im Moment ist das besser als nichts. Ich wippe mit den Füßen auf und ab und lasse die Sticks abwechselnd auf Hi-Hats und Snare gleiten.
Johnny spielt irgendwelche Läufe, ich achte nicht genau darauf. Ich lasse mich einfach einlullen von den wummernden Tönen und dem Scheppern der Becken. Ich fühle nicht mehr, bin nur noch. Es gibt nichts Besseres als Musik.
Zwei Tage später versuche ich, den Zustand des Einfach-Seins wiederzufinden, doch es gelingt mir nicht. Ich kann mich weder auf mich, geschweige denn auf den Unterricht konzentrieren. Mama will heute den ersten Tag wieder arbeiten gehen. Vier Stunden. So wie immer. Sie hat sich um ein zuversichtliches Lächeln bemüht, als sie mir am Wochenende davon erzählt hat. Aber dieses Lächeln war so halb wie immer. Der letzte Krankenhausaufenthalt hat sie mitgenommen. Physisch mag es ihr vielleicht gerade einigermaßen gutgehen. Was allerdings passiert, wenn der Stress auf der Arbeit wieder zuschlägt, daran will ich gar nicht denken.
Auch in ihren Augen gesehen habe ich die Angst deutlich gesehen.
Wir kennen uns zu gut. Haben den Scheiß schon zu lang mitgemacht. Zwar geben wir uns die größte Mühe, aber wir können uns nichts vormachen.
Ich schließe die Augen. Kein gute Idee. Zuerst sehe ich Mamas traurig tapferen Blick vor mir, dann verwandelt sich ihr Gesicht in Judiths. Die Enttäuschung in ihren Augen sticht mir noch immer ins Herz. Seit dem verkorksten Abschied habe ich nichts mehr von ihr gehört. An ihrer Stelle hätte mich auch nicht mehr gemeldet. Das Schlimme ist, dass mir ihre Nachrichten fehlen. Tausend Mal habe ich gestern auf der Rückfahrt unseren Chatverlauf gelesen und mir das Möwenbild angeschaut.
Am Ende des Tages kann ich nicht behaupten, allzu viel vom Unterricht mitbekommen zu haben. Daher stimme ich nur zu gern zu, als Peter, Sascha und Debbie mich zu einer Jam-Session in unserer WG-Küche einladen. Peter spielt ein paar Töne auf seinem Akkordeon, Debbie begleitet dazu auf der Bratsche. Sascha hält ein Percussion-Ei in der Hand. Unsere Musik wandert zwischen Volksliedern und irgendetwas Richtung Folk hin und her. Ich spiele ein paar Akkorde, rutsche mit den Fingern über den Gitarrenhals. Debbie greift die Tonfolge auf, baut sie auf der Bratsche aus. Die Melodie setzt sich in meinem Kopf fest. Getragen, etwas melancholisch.
31 days of rain in november.
Irgendwie passt das, was Johnny mir am Samstag gesagt hat, genau zu dieser Musik. Die Zeile lässt mich nicht mehr los. Drei Stunden später sitze ich müde, aber zufrieden mit meine Gitarre und einem vollgekritzelten Papier auf meinem Bett.

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