Kapitel 57 - Nur vier Shows

Kristina

Mit der Kante des Teelöffels schabe ich die Schale von der Knolle und greife dann nach dem Obstmesser und schnipple kleine Ingwerstückchen in die Tasse. Ein Spritzer von der ausgepressten Zitrone und heißes Wasser – fertig ist mein Frühstücksgetränk. Der Packung meines Lieblingstees werfe ich einen wehmütigen Blick zu. Aber aktuell wäre es leider totale Verschwendung. Wenn es gut läuft, kommen wir Ende der Woche wieder zusammen. Wie ich die Tage bis dahin überstehen soll, weiß ich nicht, wach werde ich von heißem Ingwer mit Zitrone jedenfalls nicht. 

Die Farbe ist auch nicht der Knaller, wenn man bei diesem minimal eingetrübten Wasser denn von Farbe sprechen möchte.

 

Ich ziehe die Nase kraus, schließe die Augen und trinke den ersten Schluck.

 

Ich schmecke nichts, mein Körper reagiert trotzdem und zieht sich zusammen. Keine Ahnung, ob wegen der Säure, der Schärfe oder der Hitze. Ist letztlich auch egal. Hauptsache, das Zeug hilft. Dass mich auch ausgerechnet jetzt zum Tourauftakt eine Erkältung erwischen muss! Schon gestern während der letzten Probe hatte ich dieses kratzige Gefühl im Hals, über Nacht ist es noch schlimmer geworden.

 

Als ob der Aufguss Stacheln hätte, raspelt er mir die Kehle entlang. Vermutlich muss ich noch härtere Geschütze auffahren. Ich hole das Honigglas aus dem Schrank und nehme einen Löffelvoll. Langsam lösen sich die bernsteinfarbenen Schlieren im Wasser auf. Ich will das nicht trinken, ich mag keinen Honig. In der naiven Hoffnung, der Inhalt der Tasse könne sich noch in etwas Genießbares verwandeln, wenn ich nur lang genug warte, rühre ich an der Keramikkante entlang. Das ist fast meditativ. Meine Augenlider werden schwer …

 

Als mein Kopf aufs Brustbein sinkt, schrecke ich auf. Verdammt, ich muss mich zusammenreißen. Ehe das Gebräu kalt und damit vollständig ungenießbar wird, trinke ich in großen Schlucken.

 

„Verschwinde, Erkältung, ich kann dich nicht brauchen“, murmle ich. Ob dieses Mantra den Infekt tatsächlich vertreibt, bezweifle ich, aber es hilft immerhin gegen meine bescheidene Laune, während ich die letzten Sachen in meine Reisetasche packe.

 

Als Ben mich eine halbe Stunde später einsammelt, kann ich auf seine vermutlich rhetorische Frage, ob alles okay ist, glaubwürdig nicken.

 

„Na dann, auf nach Berlin.“

 

Ben trommelt den Rhythmus des Songs aus dem Radio auf dem Lenkrad mit.

 

Ich schlucke und schaue schnell aus dem Beifahrerfenster. Die Tränen, die in meinen Augen brennen, haben wohl weniger mit dem Kratzen im Hals zu tun.

Berlin … Das letzte Mal, als wir in der Hauptstadt waren, habe ich mich Noah anvertraut. In seinen Armen habe ich mich nach den aufwühlenden Erinnerungen sicher gefühlt. Jetzt steht das, was ich ihm erzählt habe, zwischen uns. Zu viele Geheimnisse, die wir bewahren wollen. Nicht zuletzt das mit uns. Vermutlich ist es besser, wenn wir unserer eigenen Wege gehen. Wieso fühlt es sich dann so leer an?

 

Wie automatisch öffne ich Noahs und meinen Chat, nachdem ich hinter Ben unseren Tourbus betreten habe. Sonst haben wir uns immer Fotos geschickt. Aber seit zehn Tagen nicht mehr. Es wäre konsequent, unseren Chat zu löschen. Aber das bringe ich nicht über mich. Noch nicht.

 

Zum Glück muss ich mich auf der Fahrt nach Berlin nicht mit meinem Handy beschäftigen. Wir sitzen in der Lounge und beantworten Fragen aus den Social Media mit kurzen Videos.

 

„Svante, bist du aufgeregt wegen deiner ersten Tour?“

 

Ben hält das Smartphone vor Svante, der zur Seite sieht und etwas gezwungen lächelt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich kaum von Johnny. Der stand auch nicht so auf Interviews und versteckte sich gern hinter dem Schirm seines Basecaps. Ob es ihm gut geht? Weiß er, dass Svante ihn ersetzt? Ist es okay für ihn? Wieso nur ist er gegangen?

Ich schlucke die Gedanken runter. Sie kratzen noch schlimmer als der Ingwertee und ich schiebe mir rasch eine Halstablette in den Mund.

 

Svante hat die Faust vor Mund und Nase gepresst und blinzelt in die Kamera. „Kann man so sagen“, nuschelt er.

 

Ben gestikuliert wild mit der freien Hand und Svante lässt die Faust sinken. „Also, ich wäre ja sowieso dabei gewesen. Aber es ist schon ein Unterschied, ob ich als Backliner hinter und neben der Bühne stehe, oder ob ich oben eine Show liefern muss.“

 

„Du machst das schon“, versichert Joshie.

 

Ich hoffe, sie behält recht. Dann hätten sich meine schlaflosen Nächte wenigstens gelohnt.

 

„Schönen guten Abend, Berlin!“

 

Applaus, Jubel, Handylichter um uns herum. Freddy steht mit ausgebreiteten Armen am Bühnenrand und lässt die Stimmung nach den ersten beiden Songs auf sich wirken. Außer in den ersten drei, vier Reihen, kann ich keine einzelnen Personen erkennen. Alles, was dahinter und oben auf den Rängen ist, verschwindet im Schatten. Aber sie sind spürbar und hörbar da. Gerade, als wir den Backstage zum Bühnenaufgang entlanggingen, war mir noch kalt. Jetzt strahlt die Energie des Publikums Wärme auf mich ab. Genauso wie die Spotlights, die auf uns gerichtet sind. Die Halstablette, die ich eben noch eingeworfen habe, verteilt ihr süßes Aroma wie einen Pelz auf meiner Zunge.

 

„Wir freuen uns, wieder hier zu sein und haben euch natürlich auch ein paar Klassiker mitgebracht, wie zum Beispiel den nächsten Song. Girl in the Crowd.“

 

Schreie, hohe Frequenzen, dazwischen sind die Töne der E-Gitarre fast wie ein Flüstern, obwohl sie mir perfekt ausgesteuert direkt ins Ohr gespült werden. Ich wiege mich im Takt hin und her, konzentriere mich auf die einzelnen Töne. A, e, fis, g. Ein Blick nach links. Am anderen Ende der Bühne steht Svante, die Finger an den Basssaiten. Ich halte die Luft an. Wird er richtig einsetzen? Freddy hebt den Kopf, macht einen Schritt aufs Mikro zu – bumm, ba-dumm. Svante spielt. Es läuft. Erleichtert lege auch ich meine Hände auf die Tasten.

 

A smile beyond all borders

Shy like the sun behind a cloud

I find my peace when I see

The girl in the crowd

 

Das Publikum singt schon beim ersten Refrain ausgelassen mit und ich lasse mich von ihnen mitreißen. Erst noch leise, beim zweiten Refrain singe ich inbrünstig ins Mikro. Hunderte Lichter blinken in der Dunkelheit auf, schwenken von links nach rechts. Es ist wunderschön.

 

„Es war sooo schön“, sagen auch die Fans,

 

als wir nach dem Konzert vor der Halle stehen, Autogramme geben und Selfies machen. Einige haben Geschenke für uns dabei, die sie uns freudestrahlend überreichen.

 

„Der ist für dich“, sagt ein Mädchen und überreicht mir ein gefaltetes Stück Stoff. „Hab ich selbst gemacht.“

 

Ich entfalte den Stoff und reiße im nächsten Moment unfreiwillig Mund und Augen auf. Auf dem cremeweißen weich gewebten Stoff heben sich in unverkennbarem Muster schwarze Streifen ab. Ein Klavierschal. „Das ist … krass!“

 

„Gefällt er dir?“, fragt das Mädchen mit zitternder Stimme.

 

Habe ich sie mit meiner Reaktion verunsichert? „Der ist wunderschön. Danke! Wie heißt du?“

 

„Fine.“ Sie lächelt. Aufrichtig und glücklich.

 

„Danke, Fine.“ Ich umarme sie fest und wickle mir den Schal direkt um den Hals. Er schmiegt sich an mich wie eine zweite Haut. Wir machen noch ein gemeinsames Foto, dann verabschiedet sie sich lächelnd. Obwohl direkt die nächsten Fans vor mir stehen, sehe ich ihr noch nach. Vielleicht treffe ich sie nie wieder, aber nicht nur dank des Schals wird sie mir in Erinnerung bleiben. Wir haben uns mit dem, was wir können, gegenseitig beschenkt.

 

Ingwer, Halstabletten, Bronchialtee, Haferflocken.

 

Letztere sind der beste Teil des Frühstücks. Ich habe wie ein Stein in meiner Koje geschlafen, obwohl Ben angeblich laut durch den ganzen Bus geschnarcht hat, wie Freddy missmutig behauptet. Er hat wie immer eine Flasche Mate vor sich und knibbelt am Etikett.

 

„Du hörst die Flöhe husten, ich schnarche nicht“, erwidert Ben mürrisch über den Rand seiner Kaffeetasse.

 

„Ich kann Husten von Schnarchen unterscheiden, und das kam eindeutig aus deiner Richtung.“

 

Treffen sich zwei Morgenmuffel …

 

„Jungs, keinen unnötigen Streit“, bittet Piet. „Seht zu, dass ihr wach werdet. Gleich um zehn ist das Interview mit der Lokalzeitung, im Anschluss geht’s weiter zum Radiosender.“

Fünf Stunden, zwei Interviews und ein Fotoshooting an der Ostsee später will ich nur noch zurück in meine Koje. Stattdessen gibt es Soundcheck, Meet and Greet und frühes Abendessen.

 

„Moin, Rostock!“

 

Andere Stadt, anderes Publikum, gleicher Jubel. Smartphonetaschenlampen, helle Punkte bilden ein Lichtermeer. Es ist immer noch wunderschön, auch wenn ich mich zwingen muss, die Augen offenzuhalten, um die Schönheit zu bewundern.

 

„Danke, ihr wart großartig! Bis bald!“

 

Mir ist warm, einzelne Haarsträhnen kleben mir an der Stirn und im Nacken. Die Arme um Joshie und Ben gelegt, lasse ich mich nach vorne fallen. Sterne flackern, die Bühne schwankt. Die anderen beiden halten mich. Das Flackern lässt nach. Geht schon wieder.

 

Das Halskratzen ist weg.

 

Dafür sitzt die Nase zu und meine Augen brennen, als ob ich drei Kilo Zwiebeln geschnitten hätte. Köln empfängt uns mit Nieselregen und kaltem wind vom Rhein. Mit literweise Tee, leider immer noch die Variante Ingwer mit Honig, spüle ich alle paar Stunden Schmerztabletten meine geschwollene Kehle hinunter. Sie betäuben nicht nur meinen Körper, sondern auch die Geräusche um mich herum.

 

Alles wirkt irgendwie dumpf. Freddy und Ben übernehmen den größten Redeteil bei den Interviews, trotzdem bin ich hinterher erschöpft. Wer hätte gedacht, dass es so viel Kraft kosten kann, zu lächeln und sich darauf zu konzentrieren, nicht einzuschlafen?

 

Die anderen machen sich heißhungrig über das Catering her, das uns später im Backstage erwartet. Ihren Gesichtern nach zu urteilen, schmeckt es richtig gut. Ich bringe mit Mühe und Not ein paar Löffelvoll Nudeln mit veganer Bolognese herunter. Essen ist viel zu anstrengend und schmecken tu ich ohnehin nichts.

 

Joshie nimmt mich beiseite, als ich meinen halbvollen Teller wegstelle. „Kris, bist du sicher, dass du gleich auf die Bühne kannst?“  

 

Nein, denke ich. „Ja, klar.“

 

„Ehrlich gesagt solltest du eher ins Bett.“

 

Bett, ein Traum. In meiner Nase kribbelt es. „Übermorgen ist Offday, da kann ich schlafen.“ Hastig wende ich mich ab und niese in meine Armbeuge, ziehe das letzte Taschentuch aus der Packung in meiner Hosentasche. Ich muss dringend weitere Päckchen auf der Bühne deponieren.

 

„Wenn du meinst.“ Joshie klingt wenig begeistert. Aber was sollen wir denn machen? Zwei Shows werde ich schon noch schaffen. Muss ja.

 

Mir ist immer noch kalt, als ich am Morgen aufwache.

 

Die ganze Nacht habe ich gefroren, aber meine Decke und mein Schlafshirt sind klamm, so sehr habe ich geschwitzt. Ein Schauer nach dem nächsten jagt mir über den Körper.

 

„Kristina, wie siehst du denn aus?“ Piets Stimme dröhnt in meinen Ohren, dabei sieht er gar nicht so aus, als ob er besonders laut gesprochen hätte.

 

Ich stütze den Kopf in meine Hände, versuche das Rauschen des Wasserkochers und das Klappern von Geschirr abzuschirmen. Mit mäßigem Erfolg.

„Schlecht geschlafen“, murmle ich.

 

Eine Hand auf meiner Stirn. „Du hast Fieber.“

 

Ich antworte nicht. Taste stattdessen nach dem Tablettenblister in der Tasche meines Hoodies.

 

„So lass ich dich heute Abend nicht auf die Bühne“, sagt Piet.

 

„Willst du selbst spielen?“, krächze ich. Piet hat viele Talente. Klavierspielen gehört nicht dazu.

 

„Besser nicht. Notfalls muss es halt einmal ohne Klavier gehen.“

 

„Mach dich nicht lächerlich. Ich schaff das schon und morgen ruhe ich mich aus.“ Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mit Erkältung auf der Bühne stehe.

 

„Du solltest dich jetzt schon ausruhen“, sagt Freddy. „Wir schaffen die Interviews ohne dich.“

 

Mehr als ein Nicken bringe ich nicht zustande. Sobald ich den verhassten Bronchialtee getrunken habe, krieche ich zurück in meine Koje und ziehe mir die Decke über die Ohren.

 

Schlafen und eine heiße Dusche im Backstage haben gutgetan.

 

Mir ist nicht mehr kalt. Dafür fühlt sich mein Kopf an wie mit Watte gefüllt. Zum Abendessen gibt es eine weitere Tablette und noch mehr Tee. In dreieinhalb Stunden kann ich wieder ins Bett.

 

Piet sieht mich fest an, als wir am Bühnenaufgang stehen. Das Publikum in der Halle klatscht, ruft. Es rauscht.

 

„Bist du sicher, dass du es schaffst?“

 

Meine Beine sind schwer, das Rauschen fühlt die Zwischenräume der Watte in meinem Kopf. „Ja“, sage ich und setze die Inears ein. Als die anderen bei unserer Rakete nach oben springen und Bang rufen, bleibe ich stehen.

 

„Schönen guten Abend, Bremen!“

 

Ich schiebe meine Zeige- und Mittelfinger zwischen fis, gis und ais. Tasten, die mich halten. Das Bühnenelement unter mir schwankt. Lichter flackern. Ich schließe die Augen.

Girl in the Crowd, 31 Days, And action. Meine Hände gleiten über die Klaviatur, ohne dass ich darüber nachdenke, ohne dass ich hinsehe. Die Watte breitet sich aus, schluckt den Jubel, den Applaus. Kurz öffne ich die Augen. Freddy erzählt etwas. Ich höre die Worte, aber sie dringen nicht zu mir vor. Ich schaue auf die Setlist, die am Keyboard klebt.

 

Feels like a memory.

 

Freddy sieht sich zu mir um, ich nicke. Er spielt. Ich setze ein. Plötzlich ist der Ton auf meinem rechten Inear weg. Weiterspielen. Hilft ja nichts. Aber es klingt komisch. Bin ich noch richtig? Ich ziehe den Stecker aus dem Ohr. Immer noch kein Ton. Es müsste doch lauter werden? Vor der Bühne jubeln Menschen. Kalte Panik. Mein Herz hämmert. Rauschen. Flackern. Wo ist oben? Wo unten? Spielen, einfach spielen. Alles wird gut. Weiß und schwarz. Vertraute Grenzen. Ein Strich auf der Liste. Darunter ein Wort.

 

Zugabe. Die anderen winken. Ich hebe meine Hand. Wieso ist mein Arm so verdammt schwer? Watte. Kein Ton.

 

Ich schleppe mich zur Treppe. Folge Joshie. Stolpere fast. Es rauscht. Ein weiches Handtuch an meinen Händen. Das Gewicht zieht mich zu Boden. 

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