Noah
Noch nie hat meine Hand beim Schreiben einer Nachricht so dermaßen gezittert wie jetzt. Die Reaktion meines Körpers hat allerdings nichts mit den vier Anrufen und zig Nachrichten von Scott zu tun, die ich in den letzten zwei Tagen ignoriert habe. Es sind die drei Worte, die ich nun schon zum zweiten Mal tippe, weil ich immer wieder verrutsche und Fehler mache. Erstaunlich bei so wenig Text. Wie schwierig kann denn das bitte sein?
Können wir reden?
Absenden.
Scott scheint auf meine Nachricht gewartet zu haben.
Ich bitte darum!!! In einer halben Stunde im Office!
Vier Ausrufezeichen. Ich schlucke. War das eine gute Idee? Aber jetzt ist es zu spät, ich kann die Frage nicht mehr zurücknehmen. Außerdem steht mein Entschluss fest. Eigentlich. Nur jetzt, wo es soweit ist, ihn in die Tat umzusetzen, wird mir die Tragweite des Ganzen bewusst. Gestern noch bei Kristina im Wohnzimmer klang es so leicht.
Ich steige bei Five2Seven aus. Mehrfach habe ich es vor Kristina und ihrem Vater laut ausgesprochen. Auch jetzt sage ich es noch einmal.
„Ich steige bei Five2Seven aus.“
Kann ich es gleich vor Scott genauso sagen? Fest, entschlossen, und ihm dabei in die Augen sehen, um zu unterstreichen, dass ich es ernst meine?
Obwohl ich das Handy gerade erst weggelegt habe, nehme ich es nun doch wieder zur Hand und öffne die App erneut.
Ich hab Scott um ein Treffen gebeten. In einer halben Stunde soll ich bei ihm sein.
Ähnlich wie mein Manager scheint auch Kristina nur auf ein Zeichen von mir gewartet zu haben. Anders als bei Scott bin ich jedoch froh darüber.
Du schaffst das! Ich denk an dich.
Sie schickt gleich eine ganze Armee Ritter-Emojis hinterher.
Ich rücke ein imaginäres Visier zurecht. „Okay, auf in den Kampf“, spreche ich mir selbst gut zu, aber meine Stimme klingt längst nicht so selbstbewusst wie ich es gern hätte.
Eine halbe Stunde später stehe ich vor Scotts Büro und versuche durch konzentriertes Atmen meinen Puls zu beruhigen. Nach fünf Sekunden gebe ich auf. Bringt nichts. Jetzt zählt nur noch Augen zu und durch. Wie schon auf dem gesamten Weg hierher wiederhole ich noch einmal meinen Entschluss wie ein Mantra.
Ich werde bei Five2Seven aussteigen. Jetzt.
Ich hebe die Hand und klopfe.
„Noah.“ Scotts Begrüßung gleicht einem Seufzen, aber sein Blick ist unbarmherzig streng. Er passt zu der aufrechten Haltung, mit der Scott hinter seinem Schreibtisch sitzt. Okay, es sieht nicht so aus, als würde er mir sofort den Kopf abreißen wollen, aber ein herzlicher Empfang ist das hier auch nicht. Natürlich habe ich mir das zum größten Teil selbst zuzuschreiben, trotzdem sackt mein Selbstbewusstsein in sich zusammen und ich ziehe automatisch den Kopf ein. Mein Nacken protestiert sofort. Er nimmt es mir noch immer übel, dass ich vor drei Tagen zwölf Stunden von London nach Hamburg gefahren bin und zwischendurch drei unruhige Stunden auf dem Fahrersitz des Mietwagens gepennt habe.
„Also?“ Scott stützt die Ellbogen auf die Tischkante und faltet die Hände. Er bietet mir nicht an, mich hinzusetzen, aber das ist mir nur recht. In dem Stuhl ihm gegenüber käme ich mir noch kleiner vor als ohnehin schon.
Ich knete meinen Daumen in der Faust.
„Es tut mir leid, dass ich Freitag einfach abgehauen bin.“ Ein bisschen Schadensbegrenzung kann nicht schaden.
„Das ist wohl das Mindeste. Will ich wissen, wieso?“
Natürlich, aber dir wird der Grund nicht gefallen. „Es war wichtig. Meine Freundin war krank und brauchte mich.“
Scott atmet scharf ein, kann damit aber nicht das Knacken seiner Fingerknöchel übertönen. „Ganz dünnes Eis, Noah. Das weißt du, oder?“
Und wie ich das weiß. Und ich werde dieses Eis zerbrechen in drei, zwei … Ich straffe die Schultern, schlucke den Schmerzensschrei herunter … eins. „Ich steige aus.“
Scotts Augen gleichen schmalen Schlitzen. „Wie bitte?“
„Ich verlasse Five2Seven.“ Jetzt zahlt es sich aus, dass ich diesen Satz so oft geübt habe. Beim zweiten Mal klingt es entschiedener.
Mein Manager lacht jedoch auf und schüttelt den Kopf, als habe ich ihm weismachen wollen, dass es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Doch es ist nur ein kurzer Moment. Dann wird sein Blick wieder knallhart und seine Wangenmuskulatur spannt sich deutlich an.
„Du hast für drei Jahre unterschrieben. Du kannst nicht einfach gehen.“
„Ich muss.“
Jetzt steht Scott auf, verschränkt die Arme hinterm Kopf, sieht aus dem Fenster. „Noah, das hier ist das Show-Business. Du kannst nicht hinschmeißen, weil du gerade keinen Bock hast. An Five2Seven hängen tausende Menschen dran.“
Ich habe mit dieser Pseudo-Verantwortungskeule gerechnet, habe mit Kristina darüber diskutiert. Sie konnte nicht fassen, was in meinem Vertrag steht. Inzwischen ist auch mir schleierhaft, wie ich diesen Mist jemals unterschreiben konnte.
Ja, an unserer Band verdienen viele Menschen Geld. Aber nur für einen dieser tausend Menschen trage ich Verantwortung. Und das bin ich selbst. Lange habe ich das nicht gesehen, weil es mir von allen Seiten erfolgreich ausgeredet wurde. Aber Poom, Logan und nicht zuletzt Kristina haben meinen Fokus endlich geradegerückt.
„Es geht nicht darum, ob ich Bock habe oder nicht. Ich kann nicht mehr“, sage ich. Als hätte es nur dieses Stichwort gebraucht, schießt mir ein heißer Schmerz vom Nacken bis in die untere Wirbelsäule und lässt mich wanken. Instinktiv halte ich mich an der Tischkante fest. „Meine Verspannungen sind seit der Asientournee immer schlimmer geworden, ohne Schmerzmittel geht es gerade gar nicht und trotzdem kann ich nachts nicht gescheit schlafen.“
„Aber du machst doch Physiotherapie. Das wird bestimmt bald wieder besser.“ Scotts Blick wandert hektisch zwischen mir und dem aufgeklappten Notebook auf dem Schreibtisch hin und her. Ich kann es buchstäblich in seinem Hirn rattern hören. Wahrscheinlich kalkuliert er schon, was es kostet, Logan mit auf Tour zu nehmen und wie stark die Schmerzmittel maximal sein dürfen, damit ich nicht völlig benebelt bin.
Besser, ich nehme ihm diese Illusion sofort.
„Nein, Scott, es wird nicht besser. Ich mache mich nur noch mehr kaputt. Vielleicht schaffe ich drei Konzerte, vielleicht auch fünf, vielleicht breche ich aber auch nach dem ersten schon komplett zusammen.“ Das ist keinesfalls überdramatisiert, genau so hat Logan es mir nach unserem letzten Treffen noch einmal geschrieben. Inzwischen glaube ich ihm und will es lieber nicht auf einen Beweis ankommen lassen.
Scotts Lippen formen ein stummes Fuck. Er fährt sich mit der Hand durchs Haar und presst Daumen und Mittelfinger gegen die Schläfen. „Scheiße, Noah, ihr seid mitten in den Synchronarbeiten und in drei Wochen geht eure Tour los.“
„Ich weiß“, sage ich. „Die Aufnahmen im Studio bringe ich noch zu Ende. Aber danach bin ich raus.“
Das Seufzen, das Scott nun ausstößt, klingt mehr als verzweifelt, und er tut mir fast ein bisschen leid. Aber ich darf mich davon nicht beeinflussen lassen, selbst wenn er mich gleich auf Knien anbetteln würde zu bleiben.
„An dir hängt ein sechsstelliger Betrag“, ruft Scott.
„Ich weiß. Aber in meinem Zustand bin ich keinen einzigen Penny davon wert“, erwidere ich und gebe mir alle Mühe, aufrecht zu bleiben, auch wenn der Schmerz an meinen Muskeln zieht und meine Ablösesumme zusätzlich auf meine Schultern drückt. Wenn ich diese Vertragsstrafe zahlen muss, sollte ich mir besser gleich im Anschluss einen neuen Job suchen.
Scott kneift Augen und Lippen zusammen, dann sieht er mich lange an. Ich halte seinem Blick stand, sehe zu, wie die Kälte langsam schmilzt und Scott schließlich nickt. „Okay. Ich gehe die Verträge durch und gebe dem Team Bescheid. Wir werden uns etwas einfallen lassen.“
Ich starre ihn an, suche nach Worten. Scott findet sie vor mir.
„Mann, ich weiß echt nicht, wie du es immer wieder schaffst, mich um den Finger zu wickeln.“ Er schüttelt den Kopf.
„Das ist wohl mein Job“, sage ich grinsend, werde aber sofort wieder ernst. „Danke, Scott. Wirklich. Ich schick dir nachher noch das Attest von Logan.“
„Schon okay. Jetzt schnapp dir ein Taxi und fahr zum Studio. Du bist mal wieder spät dran.“
Der Kellner führt uns in den geschlossenen separaten Teil des Lokals, reicht uns die Karten und zieht sich zurück.
Hier wird uns in den nächsten zwei, drei Stunden niemand stören.
Es mutet fast ein wenig ironisch an, dass ich die Jungs ausgerechnet hierhin mitnehme, in einen Laden, den Dad regelmäßig besucht, wenn er in gemütlichem Rahmen diskret über Geschäfte sprechen will.
Suma hält die Karte auf seinem Schoß, blättert durch die Seiten und zieht immer wieder die Augenbrauen in die Höhe. Kein Wunder, hier ist es nicht nur diskret, sondern auch ziemlich exklusiv. Selbst für unsere Verhältnisse.
„Sag mal, willst du noch deinen Geburtstag nachfeiern, oder was ist los?“, fragt Suma schließlich und lässt die Karte sinken.
Andy nickt zustimmend. „Dann hätten wir uns doch auch einfach Pizza bestellen können.“
„Pizza kannst du immer haben. Du solltest den Flammkuchen mit Pfifferlingen probieren.“ Ich versuche, mich unbeeindruckt zu geben. Tatsächlich schlägt mir mein Herz bis zum Hals und ich traue mich nicht einmal, meine Speisekarte anzuheben, weil ich fürchte, sie könnte mir aus den Fingern rutschen.
Die Jungs haben komisch geschaut, als ich heute genauso unverhofft im Synchronstudio aufgetaucht bin wie ich am Freitag abgehauen bin. Da ich aber meine Texte draufhatte und wir gut vorangekommen sind, haben sie mir rasch verziehen und zugestimmt, heute Abend zusammen essen zu gehen. Trotzdem hatte ich gehofft, noch ein wenig Schonfrist zu haben, ehe ich ihnen meine Entscheidung mitteile. Sieht nicht so aus, als wäre mir das vergönnt.
Ich rutsche in meinem Polstersessel hin und her, streiche über die rustikale Tischplatte. Okay, das wird nicht besser. Ich atme tief durch.
„Ich muss euch etwas sagen.“
Augenblicklich richten sich drei Augenpaare auf mich. Neugierig, skeptisch, besorgt.
„Ich gehe nicht mit auf Tour. Sobald wir mit dem Synchronisieren fertig sind, bin ich kein Teil mehr von Five2Seven.“
Suma setzt sich kerzengerade auf, während Andy neben mir in sich zusammensinkt. Liam sieht mich weiterhin mit großen Augen an, die Miene unbewegt.
„Das ist ein Scherz, oder?“ Andy findet zuerst die Sprache wieder.
„Nein, ich war heute Morgen bei Scott.“
„Was? Aber Noah, wir können doch nicht nur zu dritt auf Tour gehen.“ Suma hält die Speisekarte so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervortreten.
Ich starre auf die Tischkante. Genau mittig vor mir ist eine kleine Kerbe im Holz, die sich fast schwarz in die dunkle Platte gräbt. Wie die Tour mit einem Trio statt einem Quartett funktionieren soll, kann ich mir auch nicht vorstellen. Ich wünsche Liam, Suma und Andy, dass es irgendwie klappt, aber ich darf mir diese Verantwortung nicht mehr aufbürden. Das ist der Job von Scott.
„Tut mir leid, aber ich kann nicht mehr“, sage ich und erzähle von meinen Schmerzen, den Schlafstörungen, Logans Diagnose und schließlich auch von Kristina. „Ihr Zusammenbruch hat mich endgültig wachgerüttelt. Wenn ich jetzt nicht aufhöre, bin ich spätestens Ende des Jahres kaputt.“
Liams Lippen bewegen sich hin und her, aber er schweigt noch immer. Nichts an ihm erinnert an den strahlenden Mädchenschwarm, der er dort draußen ist. Er erinnert mich vielmehr an einen verunsicherten Schuljungen, der Panik vor der nächsten Klausur schiebt, weil er nicht gelernt hat.
„Das ist es nicht nur, oder?“, fragt Andy in die entstandene Stille. „Du willst auch nicht mehr, oder?“
Er formuliert es als Frage, aber es klingt wie eine Feststellung.
Und er hat absolut recht. Bis vor drei Tagen hätte ich das niemals zugegeben, jetzt nicke ich kurz.
„Vielleicht würde ich noch etwas länger durchhalten, wenn das hier genau mein Ding wäre. Aber das ist es nicht. War es nie. Ihr brennt für das Tanzen, für die Shows und das alles, ihr habt von Anfang an alles gegeben, euer ganzes Herzblut. Ich hab gedacht, ich würde es auch wollen. Aber es war immer nur der Traum meines Vaters, dem ich aus Mangel an eigenen Ideen gefolgt bin.“
„Und was ist dein Ding?“
Sumas Frage tut weh, weil ich keine Antwort habe.
„Ich weiß es noch nicht“, sage ich, den Blick auf Andys Tätowierung am Unterarm gerichtet. „Ich muss wohl noch ein paarmal abbiegen, bis ich das Richtige gefunden habe.“
Andy grinst schief. „Das ist mein Spruch.“
„Keine Sorge, ich nehme ihn dir nicht weg. Aber der hat schon etwas in mir ausgelöst.“
„Na toll, hätte ich mal nichts gesagt.“ Andy schnappt sich wieder die Karte und schlägt die Seite mit den Longdrinks auf. „Du bist zwar oft genug eine Nervensäge, aber du wirst mir echt fehlen.“
„Mir auch. Auch wenn die Tanzproben jetzt vielleicht entspannter werden“, fügt Suma hinzu.
Ein Lachen, wie ich es schon lang nicht mehr gespürt habe, sprudelt meine Kehle empor. Wir albern herum und klopfen Sprüche wie in den ersten Tagen nach unserem Sieg bei NextStar. Als wir das Ausmaß dessen, was uns erwarten würde, noch nicht überschauten, als alles noch ein Spiel schien. Wir bestellen endlich Drinks und etwas zu essen, machen Witze und für einen wunderbaren Moment plagen mich nicht einmal meine Verspannungen.
Allein Liam ist die ganze Zeit auffallend still.
Als ich irgendwann aufstehe, um zur Toilette zu gehen, folgt er mir. In dem schmalen Flur vor den Kabinen, deren Türen alle offen stehen, hält er mich am Arm zurück.
„Noah.“ In seinen Augen glitzert es feucht. „Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?“
Verdammt, er ist ganz bleich. Er wird doch nicht gleich zusammenbrechen? Ich mache einen Schritt auf ihn zu, bereit ihn im Zweifelsfall aufzufangen.
„Wieso?“
Liam lehnt sich gegen die dunkelgrünen Kacheln an der Wand, legt den Kopf in den Nacken und fährt sich durch seine Locken. „Shit, das klingt total egoistisch. Ich weiß, wie sehr du darunter gelitten hast, dass Scott und die Produzenten mich bevorzugt haben. Aber ich war so froh, dass du da warst. Das mit den Mädels hast du einfach besser drauf als ich.“
Der Stein, der sich gerade unter meinen Rippen gebildet hat, fällt krachend zu Boden, und hier in dem schummrig beleuchteten Raum, sehe ich zum ersten Mal die andere, zutiefst persönliche Seite von Liam. Ich sehe einen jungen Mann, der von etwas träumt, was er scheinbar nicht haben kann. Vielleicht sind wir uns ähnlicher als ich bisher angenommen habe.
„Nirgendwo in unseren Verträgen steht, dass du Mädels abschleppen sollst. Charmant sein kannst du doch. Und für alles andere … Was in deinem Hotelzimmer passiert, ist dein Ding.“
Liam lächelt gequält. „Aber da ist immer die Angst, dass es doch jemand merkt.“
„So what? Wen du liebst, solltest du dir von niemandem vorschreiben oder ausreden lassen.“
„Sagt sich so leicht, wenn die eigene sexuelle Orientierung der gesellschaftlichen Norm entspricht.“
Stimmt. In der Hinsicht habe ich es leichter als Liam. „Ich kann dir keine Entscheidung abnehmen oder alles von dir abschirmen. Aber ich stehe hinter dir, auch wenn ich nicht mehr Teil der Band bin. Und wenn du einen Safe Space brauchst, allein oder mit Spencer zusammen, dann bin ich da, okay?“
Ich lege eine Hand auf seine Schulter, sehe ihm tief in die Augen, um ihm zu zeigen, wie ernst ich mein Angebot meine. Er überwindet den kurzen Abstand zwischen uns und umarmt mich kurz, aber fest.
„Danke, Noah.“
Als ich drei Minuten später die Klospülung bediene, vibriert mein Handy in der Hosentasche. Noch bevor ich den Riegel zurücklege, entsperre ich das Display und lese die Nachricht von Scott und die vorformulierte Pressemitteilung. Mit jeder Zeile fühle ich mich ein Stück leichter. Ich schicke Scott ein Daumen hoch, öffne die Kabinentür und habe das Gefühl, auf den Flur zu schweben.

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