Kapitel 59 - Nach all der Zeit

Kristina

Am Ufer des Sees flackert ein Lagerfeuer. Gelbrote Flammen gegen den dunkelblauen Himmel. Gras streicht kühl über meine nackten Füße, aber ich friere nicht. Ich gehe auf das Feuer zu, kleine goldene Funken stieben wie Konfetti in die Luft und bleiben dort auf wundersame Weise hängen. Und dazwischen sitzt sie auf einem Baumstamm. Ihr Kleid fließt um ihre Beine, fast wie ein zweiter kleiner See zu ihren Füßen. Sie hebt den Blick und lächelt. Ihre dunklen Augen lodern im Schein der Flammen. 

Langsam trete ich näher, umrunde das Feuer und setze mich neben sie auf den Stamm, bette meinen Kopf in ihren Schoß.

 

Die Seide schmiegt sich weich an meine rechte Wange, die linke wärmt ihre Hand. Gemeinsam schauen wir ins Feuer. Irgendwann tippt ihr Zeigefinger auf meine Wange, dann der Ringfinger, der Daumen, wieder der Zeigefinger. Ich lächle in ihren Schoß, tippe auf ihr Knie. Zeigefinger, Mittelfinger, ein Triller. Ihr Körper bebt, als sie auflacht. Jetzt fange ich an. Greife gleich einen ganzen Akkord, einen nächsten. Sie lässt einen raschen Lauf über meine Wange bis zu meinem Ohr folgen.

 

„Du bist so gut geworden“, flüstert sie.

 

„Nicht so wie du.“

 

„Viel besser, wenn du dich traust.“

 

Ich raffe den Stoff ihres Kleides unter meiner Hand. „Ich kann nicht. Nicht ohne dich.“

 

„Doch, bestimmt. Aber du musst nicht. Spiel nur, wenn du möchtest. Das ist das Wichtigste. Ich habe es zu spät verstanden.“

 

Tränen laufen über meine Nasenwurzel, tropfen auf die Seide und versickern in Flecken noch dunkler als der Himmel. Sie streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr, beginnt leise zu singen. Von Feuern am See, Funken und Tränen, einem Kuckuck. So lang ist es her, dass sie es für mich gesungen hat.

 

„Ich will für immer hier bleiben.“

 

„Das geht nicht. Wir haben nur diese Nacht“, sagt sie. „Aber das Lied bleibt.“

 

„Und wenn ich es dann nicht mehr hören kann?“

 

„Das wirst du. Versprochen.“

 

„Bitte, sing noch einmal. Nur für den Fall.“

Sie hebt wieder ihre Stimme, die Töne vereine

 

n sich mit den Funken, tanzen am Nachthimmel – und in mir.

 

Ein grauer Lichtstrahl fällt durch den Vorhang.

 

Der See, das Feuer, meine Mutter – alles ist fort. Das Lied verstummt. Es ist still. Zu still. Grausame Realität. Der Traum war ein leeres Versprechen, die Artikel hatten recht. Mein Brustkorb wird eng, mein Herz rast.

 

Plötzlich taub – mitten im Konzert hört Kristina nichts mehr.

 

Hörsturz während Konzert. Verliert Kristina ihr Gehör?

 

Es darf nicht sein. Wie soll ich so weitermachen? Es muss einen Weg geben. Ich schnappe nach Luft. Meine Hände zittern, stoßen gegen die Wasserflasche auf meinem Nachttisch. Polternd fällt sie zu Boden, rollt über das Parkett, schlägt gegen die Schranktür. Ich zucke zusammen. Starre auf die Flasche. War das …? Ich streiche mit den Fingern über meine Bettdecke. Es raschelt. Noch einmal reibe ich über den Stoff. Wieder rascheln. Das Schluchzen spüre und höre ich. Ich höre. Mit zitternden Fingern wische ich mir die Tränen der Erleichterung aus dem Gesicht.

 

Es war nur Clickbaiting. Die Medien irren sich. Ich. Bin. Nicht. Taub. Wie, um es mir noch einmal zu beweisen, lasse ich mich aufs Kissen zurückfallen. Plumps. Ich summe das Lied aus dem Traum. Höre Ton für Ton.

 

Auch aus einem anderen Winkel der Wohnung dringen nun Geräusche zu mir vor. In der Küche klappert etwas. Nicht nur das Geräusch lässt mich Lächeln. In den letzten Tagen habe ich nicht viel mitbekommen, aber in den kurzen Phasen, in denen ich nicht tief und fest geschlafen habe, war Papa da. Er brachte mir Tee oder heiße Brühe, wovon ich selten mehr als die Hälfte zu mir genommen habe, eine Wärmflasche, wenn mir kalt war, oder kühlende Waschlappen, wenn ich glaubte, jeden Moment zu verglühen. Und er war bei mir, als mich die Panik wegen der Artikel überfiel. Wieso habe ich überhaupt im Fieberwahn auf mein Handy geschaut? Papa hat es ausgeschaltet, hat Meetings in Irgendwo abgesagt. Offenbar ist er immer noch im Home-Office. Er sagt etwas, aber durch die Wände kann ich keine einzelnen Worte verstehen.

 

In meinem Bauch rumort es.

 

Ich grinse über das Knurren, freue mich auch über dieses Geräusch, und dass ich endlich wieder Appetit habe. Neben dem Bett liegt ein Pullover, ich ziehe ihn mir über und verlasse das Zimmer. Keine Ahnung, wie spät es ist, aber ich habe jetzt richtig Lust auf Toast mit Spiegelei.

 

„Kristina, du bist auf.“

 

Ich schaue Papa an, sehe zwei Kaffeebecher in seinen Händen, folge seinem Blick zum Sofa. Hastig strecke ich die Hand aus, stütze mich an der Wand ab. Vielleicht habe ich doch noch Fieber und halluziniere.

 

„Noah?“

 

Die Halluzination lächelt schief, steht auf, die Hände in der Tasche des Hoodies verschränkt. „Kristina. Wie geht es dir?“

 

Sie spricht. Die Halluzination hat Noahs Stimme. Jetzt nimmt sie von Papa den Kaffeebecher entgegen, trinkt aber nicht. Ich drücke meine Hand fester gegen die Wand, der glatte Putz legt sich kühl an meine Haut. Keine Halluzination. Noah ist wirklich hier. Aber …

 

„Was machst du hier?“ Meine Stimme ist leise. Ich brauche zu viel Kraft, um aufrecht zu bleiben, als dass ich sie heben könnte.

 

„Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich musste dich sehen.“

 

Noah steht noch immer vor der Sofakante, scheint so festgeklebt wie ich. Sein Haar ist zerzaust, dunkle Ringe liegen unter seinen Augen, als ob er an all den Tagen, in denen ich geschlafen habe, kein Auge zugetan hätte. Dazu der ausgeleierte Kapuzenpulli, die verwaschene Jeans. Das ist nicht Noah Hammond von Five2Seven. Das ist einfach nur Noah. Eine sehr müde Version. Nur wieso er hier ist, verstehe ich immer noch nicht. Woher weiß er …? Und warum interessiert es ihn noch nach allem, was ich gesagt habe?

Papa kommt auf mich zu, drückt mir eine Tasse Tee in die Hand. Wann hat er Tee gekocht?

 

„Komm, setz dich. Ihr beide habt sicher viel zu bereden. Ich bin im Arbeitszimmer.“ Er legt mir eine Hand auf den Oberarm und nickt mir aufmunternd zu. Dann geht er.

 

Ich starre weiterhin Noah an, während mir der heiße Dampf aus der Tasse ins Gesicht steigt. Auch Noah rührt sich immer noch nicht. Vielleicht bilde ich ihn mir doch ein? Nein, Papa hat ihn auch gesehen. Ich löse die Hand von der Wand, mache einen Schritt auf Noah zu.

 

Sein Arm zuckt in meine Richtung, dann zieht er ihn wieder zurück, kneift die Lippen zusammen. Schließlich sitzen wir auf dem Sofa, einen guten Meter Abstand zwischen uns. Ich umklammere meine Tasse, der Tee schwappt vor und zurück.

 

„Kristina, ich …“

 

Ich schiele zu Noah. Er hält seine Tasse genauso krampfhaft fest wie ich meine.

 

„Es ist alles schiefgelaufen.“ Seine Daumen fahren am Rand der Tasse entlang. „Aber nichts davon ist deine Schuld. Im Gegenteil, du warst … du bist die Einzige, die richtig ist in meinem Leben.“

 

Jetzt sehe ich doch auf. Sein verzweifelter Blick ruht auf mir, seine Unterlippe zittert. Er braucht ein paar Anläufe, bis die nächsten Worte kommen.

 

„Du hattest recht, ich bin feige. Nicht nur in Bezug auf Five2Seven und meinen Dad, auch was Marble betrifft … und dich. Ich will das nicht mehr, ich will endlich mutig sein. Ohne dich funktioniert nichts in meinem Leben.“

 

Ich stelle die Tasse vor mir auf den Tisch. Der Tee ist längst nur noch lauwarm. Meine Zunge klebt mir am Daumen. „Du fragst mich um Hilfe?“

 

Noah lacht traurig auf. „Ich glaube, darum kann ich im Moment kaum bitten.“

 

„Wieso bist du dann gekommen?“

 

„Ich hätte längst kommen müssen. Ich hatte kein Recht, dich wegen deiner Mutter zu verurteilen. Ich habe dich unter Druck gesetzt, weil du das für dich behalten wolltest, was wehtut. Dabei mache ich das selbst seit Jahren. Es tut mir leid.“

 

Die Bilder aus meinem Traum tauchen wieder vor mir auf. Das Feuer, Mamas Schoß, ihre tröstende Hand. So hätte es sein können, wenn wir damals den Sommer bei meinen Großeltern verbracht hätten. Wenn Tallin nicht gewesen wäre. Wir haben nur diese Nacht. Meine Augen brennen, mein Blick verschwimmt.

 

„Warum bist du jetzt gekommen?“ Es war eine blöde Idee, die Tasse abzustellen, jetzt habe ich nichts mehr, woran ich mich festhalten kann. Aber mir fehlt auch die Kraft, die Hand auszustrecken und sie zurückzuholen.

 

„Es geht so nicht mehr weiter. Und dann habe ich gestern eure Konzertabsage gesehen und die Artikel über dich … Ich hatte Angst, dass du allein bist mit deiner Angst.“

 

Meine Fingernägel bohren sich in meine Handinnenflächen. Nichts zu hören. Aber ich kann hören. Jedes Wort, das Noah sagt. Keine einzige Zeile aus den verdammten Artikeln stimmt. Trotzdem hängen sie in meinem Kopf, drücken mir die Kehle zu.

 

„Du musst diese Angst nicht allein tragen. Ich bleibe, wenn du willst … egal, welche Schlagzeilen sie über mich schreiben.“

 

Noahs Hand wandert über das Sofapolster, verharrt einige Zentimeter vor meinem Knie. Fragend sieht er mich an. Ich nicke.

 

Sanfter Druck, ich lege meine Hand auf seine.

 

„Was, wenn ich die Angst nicht mehr verliere?“

 

Er umschließt meinen Daumen, sein Blick so fest wie sein Griff. „Dann werde ich auch für dich mutig sein und dich halten, wann immer du es brauchst.“

 

Ich versuche zu lächeln. „Ich weiß nicht, ob ich das annehmen kann. Aber ich glaube, ich würde es gern versuchen.“

 

„Für den Moment ist das völlig ausreichend.“

 

Ich ziehe kaum merklich an seiner Hand, aber Noah versteht den Impuls und rückt ein Stück näher, bis ich meinen Kopf auf seine Schulter legen kann. Wieder kommen mir die Tränen, als ich seinen Atem höre. Erst noch etwas angespannt, schließlich ruhiger. Ich passe mich seinem Rhythmus an. Wir sind hier, ohne Anfang, ohne Ende. Wie in meinem Traum.

 

„Ich habe von Mama geträumt“, sage ich in unser Schweigen. „Zum ersten Mal seit Jahren.“

 

Noah sagt nichts, legt nur seinen Arm um meine Hüfte und hält mich.

 

„Sie hat gesagt, ich kann besser sein als sie, wenn ich mich traue. Aber ich soll nur spielen, wenn ich es möchte.“

 

„Und, möchtest du?“

 

Ich balle meine Faust, knete meine Finger, bis mir aufgeht, dass Noahs Hand noch dazwischen ist. Schnell lockere ich den Griff, forme eine lautlose Entschuldigung mit meinen Lippen. Noah verzieht keine Miene.

 

„Ich glaube, ich muss. Ich habe meine Liebe für das klassische Klavier so lang ignoriert, aber …“

 

„Alles okay?“ Papa steht plötzlich in der Tür, eine Sorgenfalte auf der Stirn.

 

Vermutlich ist er noch unsicher, ob ich schon wieder auf sein kann. Nicht ganz unbegründet. Wenn Noah mich nicht halten würde, hätte ich mich längst auf dem Sofa ausgestreckt.

 

„Wollt ihr etwas essen? Ich könnte Eintopf warm machen.“

 

Das Ziehen in meinem Bauch erinnert mich daran, warum ich vor einer gefühlten Ewigkeit aufgestanden bin. Aber das muss noch etwas warten. Der Druck, der sich bei Papas Auftauchen plötzlich auf meine Brust gelegt hat, ist größer. Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Druck loszuwerden.

 

„Papa, kannst du dich kurz setzen?“

 

Ein Schatten zieht über sein Gesicht, in seinem Mundwinkel zuckt es, aber er zögert keine Sekunde und setzt sich neben mich auf die Sofakante.

 

Ohne Noahs Hand loszulassen, richte ich mich auf, sehe Papa aber nicht an. Wenn ich ihm in die Augen sehen müsste, könnte ich nicht sagen, was längst überfällig ist.

 

„Ich muss dir etwas sagen. Etwas, das ich schon längst hätte erzählen müssen.“

 

Stille. Kein Atmen, kein Rutschen auf dem Polster, kein Fingerknacken. Nur Stille und Warten. Wie damals. Stille. Warten. Gleich müsste Mama fertig sein mit Duschen. Gleich. Der Druck auf meiner Brust muss jeden Moment meine Rippen brechen und meine Lunge zerquetschen.

 

„Ich war da“, sage ich heiser, ehe keine Luft mehr da ist.

 

Die drei Worte geben Raum für etwas mehr Luft. „An jenem Abend.“ Noch drei Worte. Wieder etwas weniger Druck.

 

Ich atme tief ein. Nur für den Fall. „Ich habe gehört, wie sie die Tür abgeschlossen hat.“

 

Meine Schultern fallen herunter, die Luft ist aufgebraucht, ebenso die Kraft. Die Stille bleibt. Ich weiß nicht, wie lang. Papa knetet seine Hände. Seine Stimme ist brüchig, als er endlich spricht. „Ich habe es immer geahnt.“

 

Ich schaue auf meine Knöchel. Sie heben das Strickmuster meiner Wollsocken. „Ich wollte dich nicht enttäuschen. Ich dachte, du würdest denken … es war meine Schuld.“

 

Ein scharfer Atemzug, der mir durch Mark und Bein geht. „Du warst ein Kind. Und Ieva war krank. Es war nie deine Aufgabe, sie zu retten.“

 

„Aber ich habe so lange geschwiegen.“

 

„Und das ist allein meine Schuld. Ich hätte mit dir reden müssen. Aber ich war so sehr damit beschäftigt, nicht zu zerbrechen, dass ich nicht gemerkt habe, wie sehr du versucht hast, für uns beide stark zu sein. Es tut mir so leid, Kristina.“

 

Seine Hände zittern. Endlich hebe ich den Kopf, sehe ihn an. Seine Augen schwimmen in Tränen. So habe ich meinen Vater noch nie gesehen. In all den Jahren. Hat er seine Trauer ebenso unterdrückt wie die Tränen?

 

Wenn du dich traust. Mamas Stimme aus dem Traum dringt durch unsere Tränen, die Stille.

 

„Ich will nicht mehr vor ihr weglaufen. Vor Mama … vor der Angst“, sage ich leise.

 

„Aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe.“

 

Vorsichtig streckt Papa seine Hand nach meiner aus, ich nehme sie und er zieht mich an sich. Er hält mich anders als Noah, nicht so fest, eher so, als wäre er sich nicht sicher, ob er mich wirklich halten darf.

 

„Lass uns das alles ab jetzt zusammen tragen“, flüstert er.

 

Ich lasse Noahs Hand los, er lächelt mich aufmunternd an, und ich erwidere Papas Umarmung, lege meine Arme innig um ihn. Es ist noch ungewohnt, wir werden diese Nähe üben müssen. Wie so vieles andere auch. Aber das hier fühlt sich nach einem guten Anfang an. 

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