Kristina
Unschlüssig starre ich mein Spiegelbild im Garderobenspiegel an. Ich sehe aus wie immer und komme mir trotzdem fremd vor. Das da bin nicht ich. Tausende Menschen da draußen würden mir vehement widersprechen, weil sie mich nur so kennen. Aber sie haben keine Ahnung. Wie auch. Das hier bin nicht ich. Nicht mehr.
Ich hebe die Hand zu dem rechten Bun und ziehe die erste Haarnadel heraus, lege sie auf den Tisch vor mir. Die zweite Nadel fällt Sekunden später klimpernd daneben, ebenso die dritte. Schließlich rollt sich mein Haar über meine Schulter hinab bis zum Rücken.
Der linke Bun nimmt den gleichen Weg.
Gerade als ich meine Mähne wie in der Shampoowerbung durchschüttle, klopft es.
„Ja?“
Erleichterung und prickelndes Glück geben sich angesichts der beiden Menschen, die nun meine Garderobe betreten, die Klinke in die Hand.
„Kristina!“ Die kleinere der beiden Personen stößt ein Quietschen aus und fliegt mir um den Hals.
„Marble, wie schön, dass du da bist!“ Ich erwidere ihre feste Umarmung und fange über ihre Schulter Noahs Blick, der seine Schwester und mich liebevoll lächelnd betrachtet. Eigentlich hatte Marble schon heute Mittag ankommen sollen, aber wegen schlechten Wetters hat sich ihr Abflug aus Heathrow ewig verschoben. Für eine Weile haben wir gebangt, ob sie es überhaupt rechtzeitig schafft.
Marble lässt mich los und sieht sich mit leuchtenden Augen in meiner Garderobe um, was Noah sofort nutzt, um mir einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Dabei wickelt er Zeigefinger und Mittelfinger in eine meiner Strähnen und zieht mich sanft ein Stück näher zu sich. Ich lehne meinen Kopf auf seine Schulter. An Noah hängt der kalte Duft von Novemberregen und Hamburger Straßenverkehr, aber darunter, wenn ich seinem Hals ganz nahekomme, dringt Bergamotte durch. Nichts Besonderes, er nutzt 0815-Duschgel und Bartpflegeprodukte, aber Noah macht es zu etwas Einzigartigem. Jeder Atemzug pumpt ein bisschen mehr von ihm in meine Lungen und lässt ein warmes Gefühl von Heimat und Geborgenheit über meine Haut rieseln.
„Ich bin so froh, dass du hier bist“, wispere ich ihm zu.
„Natürlich.“ Ich kann sein Lächeln hören. „Heute ist der große Tag.“
Unwillkürlich schlägt mein Herz schneller. Für einen winzigen Moment konnte ich hier an seiner Schulter vergessen, wo ich bin, und warum, aber es lässt sich nicht dauerhaft ausblenden. Schon gar nicht, wenn Noah mich so direkt darauf hinweist.
Ich drehe den Kopf, lasse meinen Blick durch die Garderobe schweifen. Helles Holz und warmes Licht, ein weiß bezogener Sessel, auf dem ich meinen Rucksack abgestellt habe. Das Fabrikat eines Outdoor-Herstellers wirkt in diesem Ambiente etwas deplatziert und lässt mich gerade deswegen grinsen.
Heute Abend wird anders.
Wie mein Rucksack entspreche auch ich wohl nicht dem, was das Publikum in der Elbphilharmonie standardmäßig erwartet. Aber was soll’s, da müssen sie durch.
Irena hat sich gefreut, als ich ihr für das Konzert heute Abend doch zugesagt habe. Wir haben lange miteinander telefoniert und sie hat nicht versucht zu diskutieren, als ich die Bedingung stellte, nicht in Abendrobe spielen zu müssen. Stattdessen stehe ich hier in einer weiten Hose und einem kurgeschnittenen Strickpullover mit U-Boot-Ausschnitt.
„Du bist wunderschön“, haucht Noah mir entgegen und lässt mein Haar durch seine Finger gleiten.
Lächelnd entziehe ich ihm die Strähne. „Ich lass das Haar offen.“
Noah weicht ein Stück zurück und starrt mich mit offenem Mund an. „Bist du … bist du sicher?“
Ich nicke. „Es gibt keinen Grund mehr mich zu verstecken.“
In Windeseile überwindet Noah den Abstand zwischen uns. Seine Lippen treffen meine, wie von einem Elektromagneten angezogen, ich tippe nur sanft mit der Zungenspitze dagegen und schon öffnet er sie, scheint nur darauf gewartet zu haben, dass ich ihn empfange. Wir gleiten in den Kuss, Hitze durchströmt mich, sammelt sich in meiner unteren Körperhälfte, die sich Noah noch mehr annähern will.
„Oh, ihr seid so süß!“
Noah keucht auf. Hastig weichen wir auseinander. Marble haben wir völlig vergessen. Noahs Zwillingsschwester lehnt grinsend am Tisch, die Hände überschlagen an die Brust gelegt, und blinzelt.
„Marble, du bist …“, fängt Noah mit roten Ohren an.
„Zauberhaft?“
Während Noah etwas Unverständliches brummelt, das aber nicht so klingt, als käme es Marbles Vorschlag nahe, greife ich nach der Bürste und ziehe sie durch die etwas zerzausten Strähnen.
„Wann geh’s los?“
Kaum habe ich auf die Uhr geschaut, rast mein Puls wieder in die Höhe. „In einer halben Stunde.“
„Bis du als Erste dran?“
„Nein.“ Zum Glück nicht. „Ich spiele als Dritte.“
„Dann is noch n bisschn Zeit“, sagt Marble zufrieden und deutet auf meine Augen. „Du solltes dich nich so dunkl schminkn.“
Obwohl ich weiß, dass ich wie immer schwarzen Lidstrich aufgetragen habe, sehe ich in den Spiegel.
„Das mach‘ deine Augn klein.“
Ich nicke. Marble hat recht. Ich weiß selbst nicht, wieso ich vor zwei Jahren damit angefangen habe, mir die Augen schwarz zu umranden, als ob ich Teil einer Gothic-Band wäre. Oder doch, ich weiß es. Aber auch das Schwarz sollte ich heute hinter mir lassen.
„Was schlägst du vor?“
Das breite Lächeln, das sich auf Marbles Gesicht ausbreitet, ähnelt Noahs Lächeln. Aber Noah hebt in diesem Moment spöttisch die Augenbrauen. „Das war ein gefährliches Stichwort.“
„Halt den Mund, Noah, von Sachn, die du nich verstehs“, schimpft Marble, beugt sich über ihren Koffer und zieht ein gigantisches Beautycase hervor.
„Setz dich“, sagt Marble und deutet auf den Stuhl vor dem Spiegel.
Gehorsam setze ich mich und schon macht Marble sich ans Werk. Mit einem feuchten Tuch wischt sie mir die schwarze Farbe von den Augen und verteilt schließlich mit Pinseln verschiedener Größe Puder in meinem Gesicht.
„Alles klar?“, fragt sie mich zwischendurch immer wieder.
„Ja.“
Ein paar kitzelnde Pinselstriche über meine Augenlider später, klappt Marble den Deckel auf die Farbpalette und nickt zufrieden. „Fertig.“
„Wow.“
Ich kann zu Noahs heiserem Kommentar nur nicken. Keine Ahnung, wie viele Visagisten mich in den letzten zwei Jahren für Fernsehshows und Bühne geschminkt haben, aber das, was Marble hier gemacht hat, habe ich noch nicht gesehen. Ich schaue in den Spiegel und sehe – mich. Keine Person, die mir ähnelt, sich aber hinter dunklen Kanten und Strichen versteckt. Stattdessen eine junge Frau mit weichen Zügen und offenen Augen, deren Leuchten sich im Glitzern des gold- und bronzefarbenen Lidschattens fortsetzt.
„Danke, Marble. Das ist …“
„Einfach du“, sagt Marble und verstaut ihre Utensilien wieder in ihrem Koffer.
Es klopft. Noch mehr Besuch? So kurz vor Konzertbeginn? Joshie hat gerade ein Selfie von sich und den anderen geschickt, sie sitzen bereits oben auf ihren Logenplätzen. Von Escape kann es also niemand sein, und Papa … nein, er ist nicht der Typ für unverhoffte Backstagebesuche.
Wieder klopft es. „Kristina?“
„Ja“, rufe ich hastig, als ich Irenas Stimme höre, und öffne ihr.
Sie trägt ein weites dunkelblaues Kleid, dessen Ausschnitt mit Strasssteinchen besetzt ist, ihr graublondes Haar ist hochgesteckt. Sie strahlt mich an, als sie jedoch Noah und Marble erblickt, hält sie sich betroffen die Hand vor den Mund.
„Oh, entschuldige, ich wusste nicht, dass du Besuch hast“, sagt sie auf Deutsch.
Obwohl Noah ihre Worte mit Sicherheit nicht verstanden hat, ahnt er wohl doch, was Irena meint, denn er hebt abwehrend die Hände und schüttelt den Kopf. „Alles gut, wir sollten wohl auch langsam nach oben und unsere Plätze einnehmen.“
Marble schultert ihre Handtasche und umarmt mich noch einmal fest, ehe sie ihrem Bruder Platz macht. Als Noah vor mir steht und meine Fingerspitzen in seine Hände nimmt, werden meine Knie plötzlich weich und mein Herz flattert. Hat er nicht versprochen, bei mir zu bleiben und mich zu halten? Er kann jetzt nicht gehen und sich in die Loge setzen.
Noah lehnt seine Stirn gegen meine. „Du wirst das großartig machen, du schaffst das“, flüstert er.
„Sicher?“
„Ganz sicher.“ Er drückt sanft meine Finger und lächelt aufmunternd. „Ich liebe dich.“
Ich schaffe es nicht einmal zu nicken. Es kostet mich meine ganze Kraft stehenzubleiben, als Noah hinter Marble die Garderobe verlässt. Jetzt bin ich allein. Kalte Panik bildet einen schweren Klumpen in meinem Magen, drängt nach oben. Das ist doch Wahnsinn, was ich hier vorhabe.
„Kristina?“ Irena kommt auf mich zu, hält mich fest an den Schultern. Ich habe ganz vergessen, dass sie hier ist. Müsste sie nicht längst draußen am Bühnenaufgang sein?
„Ich habe alles vergessen, Fingersatz, Töne …“ Meine Hände schlagen zitternd gegen meine Beine.
Irena lächelt. Ist sie irre?
Das ist eine Katastrophe, wie soll ich gleich spielen?
„Du hast nichts vergessen, glaub mir. Das Lampenfieber ist normal“, sagt sie, wechselt ins Litauische.
Mein Herz rast, ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen, meine Finger sind eiskalt. Das ist doch kein normales Lampenfieber.
Irena bleibt gelassen. „Habe ich dir erzählt, wie ich beim Nobelbankett in Stockholm gespielt habe?“
Mechanisch schüttle ich den Kopf.
„Ich sollte zwischen Hauptgang und Dessert die Klaviersonate von Sibelius in F-Dur spielen. Ich war gut vorbereitet, und trotzdem, als ich auf die Bühne trat und all die geehrten Wissenschaftler und nicht zuletzt den König dort an den weißgedeckten Tischen sitzen sah, da war mein Hirn plötzlich leergefegt. Ich wusste nichts mehr, Kristina. Ich hätte mir nicht einmal mehr zugetraut, ein Kinderlied zu spielen.“
Das trifft es. Wie viele Tasten hat ein Konzertflügel überhaupt? Gibt es mehr weiße oder mehr schwarze Tasten?
„Auf dem Weg zum Flügel bin ich wohl tausend Tode gestorben. Ich war mir sicher, dass ich das Schwedische Königshaus und die gesamte Festgesellschaft blamiere. Noch während ich mich hinsetzte, betete ich, dass der Boden sich auftun und mich verschlucken möge. Aber der Boden war stabil. Ich habe meine Hände auf die Tasten gelegt und habe gespielt. Ich weiß nicht, wie und ich war mir auch nicht sicher, ob es Sibelius war, aber nach sechzehn Minuten war es überstanden und der ganze Saal hat applaudiert.“
Irena grinst, was mindestens so unglaublich ist wie ihre Geschichte. Diesen Ausdruck habe ich noch nie auf ihrem Gesicht gesehen, selbst ein Lächeln hat sie mir nur selten gezeigt. Sie streicht mit der Hand sanft über meinen Oberarm und nickt entschieden. „Selbst wenn du glaubst, dass du nichts mehr weißt, deine Finger wissen, was zu tun ist, genauso wie dein Herz.“
Ich ziehe die Unterlippe über meine Zähne, schiebe den Kiefer hin und her. Mein Herz klopft noch immer wie wild, aber die Panik hat sich verkrochen. Fürs Erste jedenfalls.
„Du kannst das“, bekräftigt Irena noch einmal, dann wird ihr Blick ernst.
„Aber wenn du gleich wirklich das Gefühl haben solltest, dass es nicht geht, dann gibst du mir von der Seite ein Zeichen. Ich schaue zum Bühnenaufgang, bevor ich dich anmoderiere.“
„Was? Aber … ich kann doch nicht einfach nicht spielen?“
Irena überkreuzt die Hände vor ihrem Bauch. „Du sollst dich vor allem nicht unter Druck setzen. Wir sollten aus Fehlern lernen, nicht wahr? Die Musik ist ein kostbares Geschenk, das du dir von niemandem kaputt machen lassen darfst, hörst du?“
Mein Magen, mein Herz, meine Lunge – alles zieht sich in mir zusammen und trotz des Drucks, den ich noch immer auf meine Unterlippe ausübe, zittert mein Kinn. Ich schlucke.
„O… okay“, bringe ich schließlich hervor. Hoffentlich ist das Make-up wasserfest, sonst ist Marbles Werk gleich zum Herrn. Vermutlich ist es bescheuert, mich ausgerechnet daran festzuhalten, aber es ist ein sicherer Anker, der mich nicht in Panik verfallen lässt.
Trotzdem lassen sich die Gedanken nicht aussperren. Niemand zwingt mich zu spielen, ich darf. Ein Privileg, das Mama zum Schluss nicht mehr fühlen konnte. Ich schaffe das.
„Für Mama“, sage ich leise.
Irena lächelt. „Und für dich.“
Ein Gong ertönt, ruft draußen das Publikum in den Saal, und Irena lässt mich in der Garderobe allein. Bis zum zweiten Gong tigere ich zwischen Sessel und Spiegel hin und her, beim dritten Gong verlasse ich die Garderobe husche ich auf den Gang und sehe dem Orchester hinterher, das kurz darauf die Bühne betritt. Der Applaus dringt bis in den Backstage. Ich verziehe mich auf die Toilette. Eigentlich dürfte gar nichts mehr in meiner Blase sein, aber sicher ist sicher.
Plötzlich ist eine dreiviertel Stunde vorbei und ich stehe am Bühnenaufgang.
Das Publikum in der ausverkauften Elbphilharmonie applaudiert für den Pianisten, der soeben Rachmaninows Rhapsody über ein Thema von Paganini beendet hat. Der Ausschnitt des Saals, den ich von meinem Standort aus sehen kann, offenbart himmelhohe Ränge voller Menschen. Zweitausendeinhundert, nur einen Bruchteil von ihnen kann ich sehen, und obwohl ich in den letzten Jahren vor weitaus größerem Publikum gespielt habe, hat mir noch keines solches Herzklopfen verursacht.
„Atmen“, ermahne ich mich, drücke meine Handflächen Richtung Boden. Ein. Aus.
Ich sehe auf. Irena steht neben dem schwarzglänzenden Flügel, umarmt den Pianisten und sieht zu mir herüber, hebt fragend die Augenbrauen.
Schlucken, atmen. Ich nicke und ein frisches Lächeln fliegt über Irenas Gesicht. Sie greift nach einem Mikrofon.
„Meine verehrten Damen und Herren, es ist mir eine große persönliche Freude, meinen nächsten Gast anzukündigen. Ich durfte sie schon von früher Jugend an unterrichten und es ist mir eine Ehre, dass sie heute für mich und für Sie die große Rockbühne gegen die Elbphilharmonie eintauscht, um das Allegro moderato aus Beethovens 4. Klavierkonzert zu spielen. Begrüßen Sie mit mir Kristina Geringaïte.“
Überraschte Stimmen, als Irena den Nachnamen meiner Mutter nennt. Stimmen, die rasch von Applaus übertönt werden. Mein Herz muss sich irgendwo in meiner Kehle befinden, über mir ist so viel Raum, unendliche Kubikmeter, in denen der Klang sich entfaltet und seinen rauschenden Mantel um mich legt, während ich an den ersten Geigen vorbei auf Irena und den Flügel zusteuere.
Sie umarmt mich kurz und flüstert mir auf Litauisch viel Glück zu.
Ich umfasse die äußere Kante des Flügels, verbeuge mich zum Publikum, und plötzlich fühlt es sich vertraut an. So oft habe ich früher dieses Ritual vollzogen. Wettbewerbe, Konzertabende. Verbeugen, lächeln, den Hocker zurechtrücken, Schultern straffen, die richtige Position finden.
Ich setze mich, ziehe den Hocker ein Stückchen näher Richtung Klavier, drehe die Sitzfläche etwas nach oben. Mit feuchten Händen wische ich über meine Oberschenkel, fokussiere dabei die goldenen Lettern Way, mittig im Namen des Flügelbauers. Noch ein rascher Blick zur Loge. Irgendwo da oben sitzen meine FreundInnen von Escape, Noah und Marble, Papa und Doro. Zu weit weg, um sie von hier aus im Halbdunkel erkennen zu kennen. Aber sie sind da, das weiß ich.
Lächelnd schaue ich nach links zum Dirigenten, nicke ihm zu. Dann hebe ich die Hände. Der Beginn gehört mir allein. Meine Finger schweben über den G-Dur-Akkorden.
Ich schaffe das. Ich will spielen. Für die Menschen hier im Saal, für Mama. Für mich. Das Stück, das mich seit Jahren begleitet. Immer war es Mamas Aufnahme von diesem Klavierkonzert, das mir Mut und Kraft gegeben hat. Heute werde ich diese Kraft weitergeben. Musik ist stark. Ich bin stark, ich habe keine Angst.
Langsam senke ich die Finger. Und schon mit den ersten leisen Akkorden bin ich ganz in mir. Schwarze, weiße, bunte Töne strömen durch meine Adern. Ich lebe.

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