Johnny
„Bloody hell, Johnny, ich hab gedacht, ich bekomme einen Herzinfarkt.“ Joshie löst ihren Zopf auf und schüttelt ihr Haar so energisch, dass ein paar Strähnen meine Haut streifen. Herzinfarkt. Ich stehe selbst kurz davor.
Er ist hier. Er ist mir gefolgt. Meine Hände zittern, Schweiß tränkt mein T-Shirt. Ich fingere die Zigaretten aus meiner Hosentasche, inhaliere gierig. Freddy folgt mir, als ich ein paar Schritte vom Bühnenaufgang weggehe. Ich wehre die Hand ab, die er nach mir ausstreckt. Keine Berührung, nicht jetzt. Hektisch ziehe ich an der Zigarette.
Hier bin ich sicher. Er kommt nicht an mich heran.
Meine Finger zerquetschen beinahe den Filter.
Er war es die ganze Zeit. Ich habe es gewusst. Scheiße, und jetzt?
Der Zigarettenrauch schwebt an der Plane empor, die als Sichtschutz dient. Blaugrau vor Schwarz. Nebel. Ich ziehe eine zweite Zigarette aus der Packung. Halte mich daran fest.
Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Ich bin wie gelähmt, während mir trotz der Sommerhitze ein eisiger Schauer über die Haut jagt.
Keinen Widerstand leisten. Das macht’s nur schlimmer.
Ich kneife die Augen zusammen, erwarte den Schmerz.
„Johnny?“
Da schwingt keine Wut, kein Hass in der Stimme. Sie klingt vielmehr besorgt. Vorsichtig öffne ich die Augen. Piet steht neben mir, hält mir eine Wasserflasche entgegen. Ich greife danach. Wassertropfen auf meiner Haut.
„Komm, die anderen sind schon auf dem Weg zum Van.“
Weg. Raus hier. Ist das sicher? Wenn er mich entdeckt?
Erst als Piet sanft den Arm um mich legt, schaffe ich es, meine Füße in Bewegung zu setzen. Dicht an seiner Seite verlasse ich den Backstage und das Festivalgelände.
„Hier, hab dir was mitgebracht.“ Ben wirft eine Papiertüte vor mich aufs Bett.
Ich starre auf den grünroten Schriftzug einer Pizzeria. Warmer Brötchenduft steigt mir in die Nase. Nur mit Mühe unterdrücke ich den Würgereiz.
„Alles okay?“ Ben bleibt vor meinem Bett stehen.
Ich umklammere meine Zehen, lasse die Brötchentüte nicht aus den Augen. Während die anderen nach dem Gig noch essen gegangen sind, habe ich mich die letzten vier Stunden im Hotelzimmer verschanzt. Zweimal hat die Panik mich vors Klo getrieben.
Ben setzt sich auf sein Bett. „Hey, was ist denn los mit dir? Du siehst aus, als hättest du beim Gig einen Geist gesehen.“
Wenn es doch nur so wäre. Wieder steigt Übelkeit in mir auf. Ich versuche, sie wegzuatmen, aber es wird nur schlimmer. Die grünrote Schrift verschwimmt vor meinen Augen. Ich springe auf und stürze ins Bad.
„Shit. Jetzt sag nicht, dass du Magen-Darm hast.“
Ich lasse mir kaltes Wasser über die Arme laufen und fange Bens Blick im Spiegel. „Ne, hab nur was Falsches gegessen.“
Glatt gelogen, aber um Längen einfacher als die Wahrheit.
„Brauchst du irgendetwas?“
„Passt schon. Ne Mütze Schlaf ist wohl das Beste.“ Ich werfe das Handtuch achtlos über die Halterung neben dem Waschbecken und schiebe mich an Ben vorbei zurück ins Zimmer.
Zwanzig Minuten später lässt er sich frisch geduscht aufs Bett fallen, dreht sich zweimal von links nach rechts, dann ist er eingepennt. Ich liege hingegen hellwach da und lasse meinen Blick hektisch durch das Hotelzimmer wandern. Egal wie sehr ich mich auf die Falten im Vorhang oder die Umrisse des Fernsehers zu konzentrieren versuche, dieses eine Bild schiebt sich immer dazwischen.
Langsam fährt er sich mit ausgestrecktem Zeigefinger quer über den Hals, während er höhnisch grinst.
Ich krieg dich. Loser. Glänzt von außen, aber es bleibt Dreck.
Aus den Social Media sind die Kommentare längst gelöscht, in meinem Hirn haben sie sich festgesetzt. Nicht nur sie. Wie habe ich jemals glauben können, ich hätte das alles hinter mir gelassen? Es hört nicht auf. Er wird nicht aufhören. Das hier wird weitergehen und früher oder später die anderen mit reinziehen. Außer …
Ich presse die Kiefer aufeinander und halte die Luft an. Meine Freunde, die Band, all das, wofür ich gekämpft habe … Das wäre Wahnsinn.
Du bist und bleibst ein Nichts. Ich krieg dich.
Nein, es gibt nur einen Weg. Langsam lasse ich die Luft entweichen. Meinen Rucksack habe ich gar nicht erst ausgepackt, ich werfe nur die Waschtasche obendrauf und ziehe das Gummi zu.
Der Rezeptionist schaut mich verwundert an, als ich die Schlüsselkarte über den Tresen schiebe. Kein Wunder. Um 3 Uhr morgens checken wohl selten Gäste aus. „Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“
„Nein, danke.“ Ich ziehe den Gurt meines Rucksacks nach und wende mich zum Ausgang. Doch dann drehe ich mich noch einmal um. „Haben Sie zufällig einen Zettel und einen Stift für mich?“
Er schiebt mir einen Notizblock mit Hotellogo hin und reicht mir einen passenden Kugelschreiber. Ich kritzle eine Zeile, falte das Papier und reiche es dem Rezeptionisten. „Können Sie das meinen Leuten nachher geben?“
„Selbstverständlich.“ Er lächelt verbindlich und nickt mir zu. „Gute Reise.“
Ich habe mir den Schirm meiner Basecap tief ins Gesicht gezogen und die Kapuze meines Hoodies aufgesetzt. In den ersten drei Straßen begegne ich keiner Menschenseele, trotzdem halte ich mich lieber im Schatten und schaue immer wieder über die Schulter.
Ob er mir auflauert?
Rechnet er damit, dass ich allein unterwegs bin? Renne ich ihm geradewegs in die Arme? Mein Körper schreit nach Nikotin, aber ich kann es nicht riskieren, die Packung aus der Hosentasche zu ziehen. Wenn ich ihm begegne, muss ich die Hände frei haben.
Als ob du eine Chance gegen ihn hättest!
Geduckt ziehe ich durch die Gassen, fahre bei jedem Geräusch zusammen. Schließlich stehe ich vorm Hauptbahnhof. Vor der Mauer kauert eine Gruppe Obdachloser. Ob ich mich dazusetzen soll? Hier wird er mich nicht vermuten. Oder?
Nein, kein Risiko eingehen. Wenn sie mich erkennen, könnten sie mich verraten.
Ich betrete das Bahnhofsgebäude, schaue auf die Anschlagstafel. Noch anderthalb Stunden, bis der erste Zug abfährt. Fuck. Oben auf dem Bahnsteig bin ich Freiwild. Bäcker, Buchhandlung und Bistro sind noch geschlossen. Bleiben nur noch die Toiletten. Wie früher. Damals hat es nicht immer genützt. Aber ich muss es versuchen. Ich werfe eine Münze in den Automaten vor dem Drehkreuz und schließe mich in einer der Kabinen ein.
Jedes Mal, wenn jemand den Raum betritt, halte ich die Luft an, lausche auf Schritte und Atemgeräusche. Er kommt nicht. Ihn würde ich sofort erkennen. Ich wage mich nicht zu rühren und bleibe über eine Stunde mit angezogenen Beinen auf dem Klodeckel hocken.
Als ich mich schließlich auf dem Weg zum Bahnsteig mache, schmerzt jeder Schritt. Aber es ist kein Vergleich zu früher. Sieht aus, als hätte ich fürs Erste Glück gehabt. Trotzdem ziehe ich bei jeder Person, die sich mir nähert, den Kopf ein. Doch niemand beachtet mich. Ich suche mir einen Platz in der ersten Klasse und schiele abwechselnd zwischen Fenster und Abteiltür hin und her.
„Herzlich Willkommen auf unserer Fahrt nach Prag.“
Ich sinke in mich zusammen und lasse die angestaute Luft entweichen, als der Zug den Bahnhof verlässt. Außer mir sitzt nur eine Frau mittleren Alters im Abteil. Sie liest ein Buch und nippt zwischendurch an ihrem Thermobecher. Die Erleichterung hält nicht lang an. Vielleicht ist er irgendwo im Zug, arbeitet sich langsam von Waggon zu Waggon? Mein Puls schießt in die Höhe. Wenn er hier ist, sitze ich in der Falle. Lieber wieder aussteigen? Und dann?
Alles in mir schreit nach Flucht. Aber ich sitze wie festgenagelt auf dem blaukarierten Polster, starre auf die Glastür zur ersten Klasse. Niemand kommt. Da draußen ist alles ruhig. Nächste Station. Menschen auf dem Bahnsteig, alle steigen woanders ein.
Er ist nicht hier. Er hätte dich längst gefunden. Sieh es ein.
Ich drehe eine Zigarette zwischen den Fingern, lasse sie von der rechten in die linke Hand wandern. Verdammt, wenn ich nur endlich rauchen dürfte.
„Verehrte Fahrgäste, auf Grund einer technischen Störung endet unsere Fahrt heute in Pilsen. Fahrgäste mit Ziel Prag …“
Die Frau am anderen Ende des Abteils schlägt seufzend ihr Buch zu. Zum hundertsten Mal oder so schiebe ich die Zigarette zurück in die Packung, nur um sie sofort wieder herauszuziehen. Dann halt Pilsen. Ist vielleicht sogar besser als Prag.
Ich lasse die anderen Fahrgäste an mir vorbeilaufen, keiner achtet auf mich. Meine Hand zittert, als ich endlich die Zigarette anzünde und den Tabak inhaliere. Stimmengewirr, Durchsagen auf Tschechisch, alles rauscht an mir vorbei. Nur das Vibrieren meines Smartphones in der Hosentasche kann ich nicht mehr ignorieren. Ich drücke die Kippe in den Aschenbecher vor dem Bahnhof und schaue aufs Handy. Anruf in Abwesenheit. Piet.
Zehn Nachrichten im Chat.
Der Text der letzten, von Ben, leuchtet auf.
Verdammt, Johnny, wo bist du?
Mein Daumen schwebt über dem Display. Ich will ihnen antworten. In den letzten zwei Jahren habe ich kaum einen Tag ohne sie verbracht. Nachher ist noch das Interview mit diesem YouTuber.
Ich krieg dich, Loser. Fick dich.
Das Handy, der Bahnhof, die Leute, alles verschwimmt vor meinen Augen. Meine Arme und Beine sind bleischwer und mein Rucksack drückt mich zusätzlich zu Boden. Wieder vibriert das Smartphone. Ich taste mit dem Daumen den Rand ab und drücke den Ausschaltknopf.
Zur ersten Staffel: Escape - A Matter of Trust
Zur zweiten Staffel: Escape - Shape of my Heart

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