Alena
Eine Gruppe Studentinnen radelt mit wildem Klingeln an mir vorbei. Ich presse mich an die Hauswand und ziehe den Bauch ein. Nach einem Jahr hier in Erlangen sollte ich mich eigentlich daran gewöhnt haben, dass ständig jemand mit dem Fahrrad durch die Gegend brettert. Besonders hier in einer der vielen Fahrradstraßen.
„Alena? Ist alles in Ordnung?”
Hastig bringe ich meinen Kopfhörer wieder in Position und sehe mich vorsichtshalber nach links und rechts um, ehe ich meiner Mutter antworte.
„Alles gut, ich musste nur ein paar Fahrrädern ausweichen.“
„Bitte pass auf dich auf.“
Das Zittern in Mamas Stimme ist nicht zu überhören. Sie hat mich schon oft gebeten, vorsichtig zu sein, aber seit zweieinhalb Monaten ist ihre Bitte eindringlicher als zuvor. Meine zur Schau getragene Unbeschwertheit der letzten Stunden fällt in sich zusammen. Ich lehne mich gegen die Sandsteinfassade des Gebäudes, hoffe, dass sie mir Kühlung verschafft.
„Ist Matĕj wieder zu Hause?“
„Hm.“ Wahrscheinlich nickt meine Mutter dazu. Das macht sie immer, wenn sie diesen Tonfall nutzt.
Ich schlucke. Am liebsten würde ich sie jetzt in den Arm nehmen, und Matĕj und meinen Vater gleich mit. Aber uns trennen über 200 Kilometer.
„Wie geht’s ihm?“, frage ich leise, weil Mama weiter schweigt.
Das anschließende Seufzen sagt eigentlich alles, bestätigt, was ich seit Wochen befürchte.
„Die Brüche sind gut verheilt, von den Prellungen ist nichts mehr zu sehen. Nur …“
Jetzt nicke ich seufzend. Nur ist das völlig falsche Wort für das, was meine Mutter nicht ausspricht, und was weder Matĕj noch wir wahrhaben wollen.
„Er hat sich sofort in sein Zimmer verzogen und dort eingeschlossen, weil er uns sowieso nicht helfen kann.“
Verdammt. „Sagt er?“
„Ja. Die Ärzte meinen, wir müssen ihm Zeit geben. Aber …“ Mamas Stimme bricht und ich strecke instinktiv die Hand aus, um sie zu trösten, stoße aber nur auf die harte Wand. Sie kühlt übrigens nicht.
„Soll ich nach Hause kommen?“
„Nein, du hast noch dein Praktikum. Darauf hast du dich so gefreut.“
Stimmt. Aber das war vor Matĕjs Unfall. „Das lässt sich bestimmt regeln. Ihr braucht zur Ernte jetzt jede Hand.“
„Wir schaffen das schon“, sagt meine Mutter etwas zu entschieden für meinen Geschmack. Ich weiß, welchen Plan sie damit verfolgt, aber er funktioniert nicht. Ich mache mir Sorgen. Um meine Familie, mein Zuhause. Doch es hat keinen Zweck, darüber zu diskutieren. Meine Eltern werden nicht zulassen, dass ich ihnen zuliebe mein Studium über den Haufen werfe. Also tu ich das, was zumindest meiner Mutter in diesem Moment hoffentlich am meisten hilft. Ich gebe mich geschlagen.
„Grüß Matĕj ganz lieb von mir.“
„Mache ich“, kommt es etwas zu leise, ehe Mama hastig auflegt.
Zu wissen, dass sie jetzt weinend zu Hause in der Küche steht, treibt auch mir die Tränen in die Augen. Aber wir tun so, als wären wir tapfer und halten unsere Verzweiflung voreinander geheim. Ich stecke das Smartphone in die Tasche und wische mir mit dem Handrücken über die Augen. Wir sind doch bescheuert.
„Was ist los? Du bist so schweigsam.“
Laurenz streckt seine Hand über den Tisch und legt sie auf meine. Seine Finger streicheln sanft meinen Handrücken.
Ich wende den Blick von meinem Eisbecher ab, in dem ich die letzten Minuten gedankenverloren herumgerührt habe. Die Erdbeersoße und die Sahne haben sich zu einem rosa Brei vermischt.
„Entschuldige. Was hast du gesagt?“
„Nur eine kleine Anekdote von der Arbeit. Gar nicht so wichtig. Aber normalerweise kommentierst du das immer.“ Laurenz lächelt schief. Er scheint nicht sauer zu sein, eher amüsiert. Trotzdem schaffe ich es nicht, das Lächeln zu erwidern. Ich lege den Löffel auf das Silbertablett.
„Es ist wegen Matĕj. Er ist seit heute wieder zu Hause.“
„Das ist doch toll. Endlich hat er das Krankenhaus und die Reha hinter sich.“
Laurenz‘ fröhliche Miene versetzt mir einen Stich und ich schaue wieder nach unten, schiebe die hauchdünne Serviette auf dem Tablett hin und her.
„Aber es geht ihm nicht gut. Er glaubt nicht, dass er noch auf dem Hof arbeiten kann.“
„Dann findet sich schon etwas anderes.“
„Das sagst du so leicht. Für Matĕj ist der Hof sein Leben.“
„Er muss ja nicht gleich wegziehen, nur eine andere Arbeit finden.“
„Und welche?“ Ein Zipfel der Serviette löst sich und bleibt an meiner Fingerspitze kleben.
„Keine Ahnung, aber irgendetwas wird sich finden. Es gibt immer eine Alternative. Ich hab nach der Feuerwehr auch etwas Neues gefunden.“
Das ist nicht das Gleiche, will ich sagen, schlucke die Worte aber hinunter.
Ich weiß noch, wie frustriert er war, als vor einigen Monaten der endgültige Bescheid kam, dass er für den Einsatz in der freiwilligen Feuerwehr nicht mehr geeignet ist. Auch jetzt huscht wieder ein Schatten über sein Gesicht, aber vielleicht bilde ich mir den auch nur ein. Laurenz ist drüber hinweg. Er zieht seinen Stuhl näher an meinen und nimmt mich in den Arm.
„Das wird schon wieder.“
„Hoffentlich hast du recht“, murmle ich in seinen T-Shirt-Ärmel.
Er küsst mich und grinst. „Ich hab immer recht.“
„Ach ja? Ich dachte, das gilt nur für Lehrer und Mütter?“
„Lehrer haben nur vormittags recht. Und nachmittags frei“, sagt Laurenz mit erhobenem Zeigefinger.
„Ah, so ging das Sprichwort.“ Es ist nicht die erste Redensart, die ich durcheinanderbringe. Laurenz hat mich deswegen noch nie ausgelacht, manchmal macht er sich sogar die Mühe und googelt den Ursprung von Sprichwörtern, wenn ich etwas nicht verstehe. Aber das mit den Lehrern leuchtet mir ein, auch wenn ich es ein bisschen unhöflich finde.
„Aber wie passt du dann ins Bild? Du bist weder Lehrer noch Mutter“, necke ich ihn.
„Ausnahmen bestätigen die Regel. Außerdem, was nicht ist, kann ja noch werden.“ Er schnappt sich den Keks, der neben seinem Cappuccino liegt, und reißt die Verpackung auf.
Überrascht sehe ich ihn an. „Was hast du vor?“
„Nichts“, sagt er kauend. „Aber wer weiß, was die Zukunft bringt.“ Er wirft die Verpackung zurück auf den Tisch und schlägt mit beiden Händen auf seine Knie. „Sollen wir los?“
Gerade hatte ich meinen Löffel wieder zur Hand genommen, jetzt lasse ich ihn erneut sinken. Bin ich heute so langsam im Denken? „Wohin?“
„Du hast mir doch von diesem Rock erzählt, der dir so gefällt. Magst du ihn mir zeigen?“
Ich beuge mich zu ihm rüber und gebe ihm einen Kuss. „Du bist süß, weißt du das?“
Zwei Stunden später hängt der Rock mit dem Apfel- und Blumenmuster an meinem Schrank.
Er ist hübsch. Der cremefarbene Baumwollstoff fällt in sanften Falten von dem grünen Bündchen nach unten. Kombiniert mit einem Top und einer Bluse und meinen Riemchensandalen macht der Rock richtig etwas her.
„Du siehst gut aus“, hat auch Laurenz vorhin gesagt, als ich aus der Umkleide trat.
Jetzt ist meine Freude verflogen. Die aufgedruckten kleinen Äpfel erinnern mich an zu Hause, an Matĕj. Er liebt Äpfel. Wenn er mich in dem Rock sehen könnte, würde er lachen und genau wissen, wieso ich den Rock gekauft habe.
Die Tränen schießen mir so plötzlich in die Augen, dass ich gar nicht begreife, wie mir geschieht. Es ist so ungerecht.
Mein Smartphone meldet sich mit einem Pling. Seit dem Unfall habe ich es nicht mehr auf lautlos gestellt.
Hallo meine Liebe. Alles gut? Wie läuft’s in der Agentur? Miss u.
Ich vermisse Cora auch. Warum muss sie ihr Praktikum ausgerechnet in Berlin machen?
Matĕj ist wieder zuhause. Wäre gern bei ihm, texte ich zurück.
Nur eine halbe Minute später ertönt Taylor Swifts A place in this world.
„Erzähl, Süße“, fordert mich Cora ohne Umschweife auf.
Das ist leichter gesagt als getan. Mir versagt schon beim ersten Satz die Stimme und ich schniefe und heule ins Telefon. Ob Cora viel von dem versteht, was ich da von mir gebe, weiß ich nicht. Aber sie hört zu.
„Ach Mensch, fühl dich ganz fest gedrückt“, sagt sie schließlich und für einen Moment fühlt es sich wirklich so an, als säße sie hier neben mir auf dem Bett und würde ihre Arme um mich legen.
„Danke.“ Mit dem Deckenzipfel wische ich mir über die nassen Wangen.
„Versuchst du da gerade etwa, deine Tränen zu verbergen?“
Holy Moly, woher weiß sie das schon wieder? Ich schniefe und lache gleichzeitig.
„Heulen ist okay. Heulen ist wichtig“, sagt Cora mit strenger Stimme, doch im nächsten Satz ist sie wieder ganz sanft und ruhig. „Ich bin da, okay?“
Ich flüstere ein weiteres Danke, dann legen wir auf. Ihr Versprechen hallt noch lang in mir nach. Es klingt so anders als Laurenz‘ Wird schon wieder. Besser.

Kommentar schreiben