Kapitel 3 - Wohin?

JOhnny

Ich fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Die fünf Tage alten Bartstoppeln kratzen an der Haut. Aber ich widerstehe dem Impuls, ins Bad zu gehen und mich zu rasieren. Niemand kennt mich mit Bart, hier schon einmal gar nicht. Es muss ja kein Vollbart werden, aber wenn mir diese Stoppeln Sicherheit geben, werde ich ertragen, dass es kratzt. Alles eine Frage der Gewöhnung.

„Alles eine Frage der Gewöhnung“, sage ich in die Stille des kleinen Hotelzimmers, das ich seit einer guten Woche kaum verlassen habe, und wenn, nur spätabends. So wie eben, um Zigaretten zu holen. Ohne Basecap, nur mit Kapuze.

 

Schon irgendwie ironisch, dass das Cap, das mir sonst immer als Schutz diente, mich jetzt verraten könnte. Zurück im Zimmer, setze ich es wieder auf, nehme es aber sofort wieder ab und schleudere es aufs Bett. Fuck. Ich muss diese Gewohnheiten ablegen.

 

Neues Leben. Neues Aussehen. So einfach ist das!

 

Nein, verdammt. So einfach ist es nicht. Ich will mein altes Leben zurück!

 

„Einmal mit allem?“, fragt eine spöttische Stimme in meinem Hinterkopf. Nein, nicht eine Stimme. Seine. Und ich sehe seine provozierende Miene dabei deutlich vor mir. Wie immer überkommt mich ein kalter Schauer. Ich ziehe eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Schreibtisch, stelle mich damit ans Fenster und blase meine Angst mit dem Qualm in den Hinterhof des Hotels. Eine Panikattacke wie nach dem Gig hatte ich zum Glück nicht mehr, aber trotzdem klebt die Unruhe noch an mir wie ein Schatten. Sie verfolgt mich nachts im Schlaf, in Alpträumen, die ich längst überwunden geglaubt hatte. Tagsüber ist sie mein Begleiter als schwerer Klumpen in meinem Bauch.

 

Ich schnippe Asche aufs Fensterbrett, mit der anderen Hand greife ich nach dem Schirm meines Caps – das nicht da ist. Mann! Ich lehne mich an den Fensterrahmen, halte die Kippe nach draußen und sehe das Basecap wütend an. Ich sollte es verbrennen, dann würde ich nicht ständig versucht, es doch wieder aufzusetzen. Aber einen Aufruhr wegen Feueralarm kann ich nicht brauchen. Außerdem war das Cap ein Geschenk von Alex.

Der Klumpen in meinem Magen wird augenblicklich schwerer.

 

Auch Alex hat mehr als einmal versucht, mich zu erreichen. In einem Anflug von – keine Ahnung, Mut oder doch eher Wahnsinn, habe ich vor drei Tagen mein Smartphone noch einmal eingeschaltet. Vierunddreißig Anrufe und gefühlt tausend Nachrichten. Jetzt liegt die Sim-Karte irgendwo in den Tiefen meines Rucksacks. Es ist besser so.

 

Eine kleine Flamme leuchtet unten im dunklen Hof auf und Stimmen dringen zu mir hoch. Tschechisch, weiblich. Vermutlich zwei Hotelmitarbeiterinnen. Ich ziehe mich zurück und schließe Fenster und Vorhang. Es ist unwahrscheinlich, dass sie mich von da unten erkannt haben. In Tschechien sind wir unbekannt, es dürfte also niemand wissen, wer ich bin. Trotzdem, sicher ist sicher.

 

Was mich unweigerlich zu der Frage führt, wie es weitergehen soll.

 

Ich kann nicht ewig hier im Hotel bleiben, selbst wenn ich meine vorläufige Buchung morgen verlängern könnte. Aber wohin dann? Aus Gewohnheit schnappe ich mir mein Handy. Ach nee, ist ja keine Sim-Karte mehr drin. Ob ich sie doch noch mal raussuchen soll?

 

Ich lege das Handy zurück. Lieber nicht. Ich frage morgen an der Rezeption. Im Gegensatz zum Internet besteht bei einem Menschen wenigstens die Chance, dass er mich vergisst. Scheiße, wann bin ich eigentlich so paranoid geworden?

 

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragt mich die Rezeptionistin, nachdem ich am nächsten Morgen meine Schlüsselkarte zurückgegeben habe.

 

„Haben Sie einen Tipp für mich, wo ich einen Aushilfsjob finden kann?“

 

Kurz zuckt ihre Augenbraue ein Stück weit nach oben und ihr Blick wandert über meinen Hoodie, die Kapuze trage ich auch jetzt wieder, und meine verwaschene Jeans. Dann legt sich wieder ein professionell unverbindliches Lächeln auf ihr Gesicht. Ich lächle genauso unverbindlich zurück. In meinen bisherigen Jobs als Veranstaltungstechniker und Musiker war mein Outfit völlig okay, aber als Hotelpage tauge ich damit wohl nicht. Zum Glück.

 

„Es gibt hier natürlich einige Bars und Restaurants in der Stadt, die suchen regelmäßig nach Personal.“

 

Ich schlucke. Im Fleet21 habe ich schon öfter an der Bar gestanden, Getränke ausgegeben und bei Festen auch schon mal den Grill bedient. Keine Arbeit, mit der ich bislang ein Problem hatte. Aber sie ist mit Menschen verbunden. Vielen Menschen.

 

„Ich dachte eher an etwas mit weniger … Kundenkontakt.“

 

Wieder entgleisen der Rezeptionistin für einen Moment die Gesichtszüge. Wahrscheinlich hält sie mich für den letzten Psycho, und irgendwie liegt sie damit auch gar nicht so falsch. Richtig normal fühle ich mich wirklich nicht mehr.

 

„Sie können raus aufs Land fahren. Wir haben einige Höfe und Landwirtschaften in der Umgebung. Viehzucht, Obstanbau und so weiter. Jetzt zur Erntezeit freuen die sich bestimmt über jede Hilfe.“

 

Na bitte. „Haben Sie zufällig eine Adresse?“

 

„Augenblick.“ Die Rezeptionistin wendet sich zu dem Regal hinter sich um und fährt mit den Fingerspitzen die Reihen entlang. Dann kommt sie mit einem Flyer zurück, den sie mir über den Tresen zuschiebt. Von dem Text verstehe ich kein Wort, alles ist auf Tschechisch, aber wenn ich nach den Illustrationen gehe, handelt es sich um einen Hof, der Obst anbaut. Auf einem Bild auf der Rückseite sind außerdem Schafe zu sehen.

 

„Von diesem Hof beziehen wir unseren Apfelsaft und Schafskäse. Ein kleiner familiengeführter Betrieb. Vielleicht versuchen Sie dort ihr Glück.“

 

„Cool, vielen Dank. Darf ich den Flyer behalten?“ Eigentlich würde ich lieber wissen, wie ich dorthin komme. Aber so skeptisch wie die Frau mich ansieht, riskiere ich mit weiteren Fragen nur, dass ich ihr im Gedächtnis bleibe. Sie überlässt mir den Flyer, vielleicht auch, um mich endlich loszuwerden.

 

Draußen sehe ich mich, verborgen unter meiner Kapuze, um.

 

Es ist mitten am Vormittag, Menschen gehen zielstrebig hin und her, steigen in Busse ein und aus Straßenbahnen aus. Ob irgendetwas davon zu diesem Apfelhof fährt? Verdammt, ich weiß nicht einmal, wo hier Norden ist, geschweige denn, wo dieses Malesice liegt. Die Bezeichnungen an der Bushaltestelle helfen mir auch nicht. Keins der Worte stimmt mit denen auf dem Flyer überein. Jeder normale Mensch würde einfach die Adresse in den Navigator auf dem Handy eingeben und sich die Texte übersetzen lassen. Jeder, der keine Angst davor hat, getrackt zu werden. Jeder, der keine Angst davor hat, mit verpassten Anrufen und Nachrichten konfrontiert zu werden. Statt meines Smartphones ziehe ich die Zigarettenschachtel aus dem Rucksack. Nach dem Rauchen kann ich mich endlich dazu durchringen, am Bahnhof nach dem Weg zu fragen.

 

Eine Dreiviertelstunde später steige ich aus dem Bus und stehe zwischen gelben Häusern, deren Fassaden teilweise schon etwas heruntergekommen sind. Zwischen den Giebeln kann ich die Felder sehen, an denen ich gerade vorbeigekommen bin. Es ist ruhig, ganz anders als in der Pilsener Innenstadt. An der Fassade gegenüber der Bushaltestelle ist ein großes Banner angebracht. Scheint etwas Offizielles zu sein, irgendein Kanalprojekt, wenn ich die einzigen beiden Wörter, die mir bekannt vorkommen, richtig deute. Definitiv nicht der Apfelhof.

 

Ein älterer Mann kommt die Straße heruntergeschlurft und setzt sich auf die Bank im Wartehäuschen der Bushaltestelle.

 

„Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“, spreche ich ihn auf Englisch an.

 

Er hebt den Kopf, schaut irritiert und brummelt etwas, das definitiv nicht Englisch ist. Ich ziehe den Flyer aus der Hosentasche und halte ihn dem Mann hin.

 

„Ah.“ Er nickt freundlich und während er irgendetwas auf Tschechisch sagt, zeigt er mit dem rechten Arm die Straße hinunter, wobei er den Unterarm ein paarmal auf und ab bewegt.

 

Erleichtert mache ich mich auf den Weg in die gewiesene Richtung.

 

Vorbei an modernen Häusern mit sauber geschnittenen Hecken im Vorgarten, und Häusern, die aussehen, als wären sie vor fünfzig Jahren sich selbst überlassen worden, wenn da nicht die behängten Wäscheleinen wären. Hier wird mich niemand vermuten.

Mit einem Mal endet die Straße. Zwischen dem Weidenzaun auf der rechten Seite und einem Tor aus hellem Holz führen nur noch ein Schotterweg und ein Trampelpfad weiter. Aber an der gelb verputzten Mauer der Toreinfassung prangt das gleiche Logo wie auf dem Flyer.

 

Ich strecke die Hand aus, ziehe sie aber schnell wieder zurück. Mein Mund ist trocken. Ist es wirklich eine gute Idee, nach einem Job zu suchen? Was, wenn mich hier doch jemand erkennt? Keine Ahnung, was Piet und die anderen der Öffentlichkeit erzählen, wieso ich so plötzlich weg bin. Aber es reicht ein Hinweis in den sozialen Medien und schon weiß jeder, wo ich bin.

 

Unwillkürlich sehe ich mich um. Aber auf der Straße hinter mir ist niemand zu sehen. Nicht einmal eine streunende Katze.

 

„Ahoj.“

 

Ich fahre herum und stoße mit dem Ellbogen unsanft gegen die Mauer. Auf der anderen Seite des niedrigen Holztors steht eine Frau in Jeans, T-Shirt und Arbeitshandschuhen und sieht mich fragend an.

 

„Sorry, what did you say?“, frage ich, während mein Puls rast und der Schmerz im Ellenbogen pocht.

 

Die Frau lächelt. „Kann ich Ihnen helfen?“ Ich nehme an, dass dies die englische Übersetzung zu dem Satz ist, den sie eben gesagt hat. Jetzt ist es für eine Flucht definitiv zu spät. Soll ich eine Ausrede erfinden? Nur was? Nach dem Weg fragen? Ich sehe nicht gerade aus wie ein Wanderer. Eher wie der Ausreißer in Not, der ich faktisch auch bin.

Ich hätte mich letzte Woche ergeben können. Vielleicht wäre es dann jetzt vorbei. Schon krass, was man alles unternimmt, weil man an diesem beschissenen Leben hängt.

 

Die Frau zieht die Handschuhe aus und steckt sie in die Gesäßtasche ihrer Jeans. Noch immer liegt das Lächeln auf ihrem Gesicht, keine Spur von Skepsis.

 

„Ich bin auf der Suche nach einem Job. Man hat mir den Tipp gegeben, dass Sie vielleicht Hilfe gebrauchen können.“ Ich halte den inzwischen reichlich verknitterten Flyer hoch.

 

Die Augen der Frau bekommen einen seltsamen Glanz, das Lächeln verrutscht und ihre Hand fliegt zum Mund. Scheiße, was ist denn jetzt los?

„Meinen Sie das ernst?“, fragt sie mit dünner Stimme.

 

Ich nicke, wenn auch leicht irritiert.

 

„Sie schickt der Himmel!“, sagt sie, während ihr Tränen über die Wangen fließen. „Wir brauchen dringend jemanden.“

 

„O, cool.“ Ich bemühe mich um ein Lächeln, ihre Tränen verunsichern mich.

 

Die Frau öffnet das Tor. „Haben Sie schon in der Landwirtschaft gearbeitet?“

 

„Nein“, gebe ich unumwunden zu. Ich hatte nicht einmal ein Bilderbuch über einen Bauernhof. „Aber ich kann anpacken und hab keine Angst vor Dreck.“

 

Die Frau lacht auf und wischt sich mit dem Handrücken über die Wangen. „Das klingt gut. Äpfel pflücken und Stall ausmisten ist nicht schwer. Ich fürchte nur, wir können nicht viel zahlen. Aber Sie können hier wohnen und mit uns essen.“

 

„Das ist okay.“ Ein Bett und etwas zu essen, ist alles, was ich brauche. Geld ausgeben kann ich hier sowieso nicht.

 

„Na dann. Soll ich Ihnen alles zeigen?“

 

Wieder nicke ich. Das war das kürzeste und seltsamste Bewerbungsgespräch meines Lebens.

 

„Dann kommen Sie. Ich bin übrigens Markéta.“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen.

 

Ich zögere kurz, dann schüttle ich ihre Hand. „Ich bin Jo.“

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