Kapitel 4 - Auszeit

Alena

Quietschblaues Wasser und quietschblauer Himmel. Wenn nicht die dunkelblauen Silhouetten der Alpen wären, könnte ich schwer sagen, wo die Erde aufhört, und der Himmel beginnt. Mir wird schwindelig, als ich das Balkongeländer loslasse und im Blau versinke. Schnell lege ich die Hände wieder auf das warme Holz der Brüstung.

„Gefällt es dir?“ Laurenz tritt von hinten an mich heran.

„Ein bisschen kitschig“, sage ich grinsend und lehne mich an ihn.

 

„Aber schön. Wirklich.“

 

Er legt seinen Arm und gibt mir einen Kuss. „Das freut mich. Magst du noch die Aussicht genießen oder darf ich dich zum Essen entführen?“

 

„Wollten wir nicht selbst kochen?“, frage ich überrascht und denke an das Paket Nudeln und das Glas Soße, die ich mitgebracht habe. Durch die Scheibe der Balkontür sind schwach die Konturen der Küchenzeile zu erkennen.

 

Laurenz zieht eine Schnute. „Wir haben Urlaub, lass uns das genießen. Hier ums Eck gibt es das beste Restaurant am ganzen See.“

 

„Okay, gehen wir essen. Aber nur, wenn ich dich einladen darf.“ Es ist mir schon unangenehm genug, dass Laurenz für zwei Nächte dieses Apartment gebucht hat und nichts davon wissen wollte, dass ich einen Anteil bezahle. Mit Blick auf den Starnberger See kosten die knapp vierzig Quadratmeter vermutlich ein Vermögen. Laurenz holt Luft und scheint kurz protestieren zu wollen, nickt dann aber.

 

 

Drei Stunden später liege ich pappsatt von gegrilltem Ziegenkäse, Scampi-Pizza und Mascarpone-Törtchen eng an Laurenz gekuschelt im Kingsize-Bett. Sanft wandert seine Hand meine Arm hinauf, hinterlässt ein Kitzeln auf jedem Zentimeter Haut, den er berührt.

 

Seine Fingerspitzen erreichen meinen Hals, fahren meinen Haaransatz und mein Ohr entlang, während er anfängt meine Stirn zu küssen und sich langsam bis zu meinen Lippen vorarbeitet. Zwischen meinen Schenkeln wird es warm und es zieht in meinem Unterleib. Ich gleite mit der Hand unter sein Schlafshirt, spüre am Unterarm den Druck seiner Erektion. Bei dem Versuch, mich auf ihn zu schieben, drückt mein voller Magen mich unbarmherzig auf die Matratze.  

 

„Ich fürchte, ich zerquetsch dich“, murmle ich in unseren Kuss.

 

Laurenz kichert. „So schnell gehe ich nicht kaputt.“ Er rutscht ein Stück tiefer, küsst meinen Hals und mein Schlüsselbein. Seine Finger spielen mit meiner Brust. Das Ziehen in meinem Unterleib wird stärker. Ich schnappe nach Luft.

 

„Darf ich dich glücklich machen?“, haucht Laurenz.

 

„Ja.“

 

Eine Schwanenfamilie schwimmt dicht am Steg vorbei und hastig ziehe ich meine Füße aus dem Wasser. Bilde ich es mir ein oder nickt einer der großen Schwäne tatsächlich dankbar mit dem Kopf? Vier grau-braune nicht mehr ganz so kleine Schwanenjunge paddeln zwischen den Eltern her. Wohin es die Jungen wohl irgendwann verschlägt? Werden sie überleben?

 

Ein Kloß bildet sich in meinem Hals.

 

Verdammt, ich kann nicht einmal unschuldige Schwäne ansehen, ohne dass meine Gedanken wieder zu Matĕj wandern. Dabei hat er überlebt. Er ist wieder zu Hause.

Ich zucke zusammen, als Laurenz mir einen Wassertropfen vom Fuß wischt und meine Zehen streichelt.

 

„Hey, das kitzelt.“

 

„Ich weiß“, sagt er und grinst. „Du sahst so gedankenverloren aus. Ist alles okay?“

 

Wenn ich das wüsste. Mein Bruder meldet sich schließlich nicht. Also ist wahrscheinlich nichts okay. Aber das kann ich nicht mit Laurenz besprechen. Er hat mich zu diesem Wochenende eingeladen, damit ich auf andere Gedanken komme. Bis eben hat das auch prima geklappt. Doch ich will Laurenz nicht die Laune verderben, also setze ich ein Lächeln auf und hake meinen Zeigefinger unter seinen.

 

„Klar.“

 

„Du bist eine schlechte Lügnerin“, gibt er vorwurfsvoll zurück.

 

„Sorry“, sage ich und stütze das Kinn auf mein aufgestelltes Knie. Die Schwanenfamilie ist irgendwo in der Uferbegrünung verschwunden. „Ich wollte dich nicht enttäuschen.“

 

„Ist es wegen Matĕj?“

 

„Er ignoriert seit drei Wochen meine Nachrichten.“ Die Sonne reflektiert glitzernd auf der Wasseroberfläche und blendet mich. Leise plätschernd schlagen Wellen an die Bohlen des Stegs. Matĕj würde es lieben.

 

„Ich verstehe, dass es schwer ist. Aber gib ihm Zeit. Für ihn hat sich alles verändert.“

 

„Ich weiß.“ Nicht nur für ihn, auch wenn die Veränderung für meinen Bruder am gravierendsten ist. Aber ist ihm nicht klar, wie gern ich für ihn da wäre, und sei es nur, dass er sich stundenlang bei mir ausheult?

 

Laurenz legt seinen Arm um mich und küsst mich aufs Ohr. „Was hältst du von einer Fahrt mit dem Tretboot?“

 

Seufzend zwinge ich die Gedanken an Matĕj in meinen Hinterkopf. Ich kann mir nicht durch Sorgen den Spätsommer vermiesen, ich darf genießen. Und dankbar sein, dass Laurenz hier bei mir ist. Ich blinzle ihn an und lächle, diesmal nicht aufgesetzt.

 

„Gern.“

 

Wir schlendern zum Bootsverleih hinüber. Während Laurenz bezahlt, mache ich ein paar Fotos von der Umgebung. Gerade habe ich die Reihe von Ruderbooten im Visier, die sich im Wasser spiegeln, als sich eine Nachricht über den Bildschirm meines Smartphones schiebt.

 

OMG!!!

 

Eine Reihe entsetzt schauender Emojis folgt keine Sekunde später. Gleich darauf folgt ein Foto.

 

Ich öffne den Chat mit Cora. Das Foto ist ein Screenshot eines Instagrambeitrags.

 

Ihr Lieben. Aus privaten Gründen nimmt Johnny sich ab sofort eine Auszeit von Escape. Das kommt sehr überraschend – nicht nur für euch, aber das Leben ist manchmal nicht planbar. Wir respektieren Johnnys Wunsch und bitten euch ebenfalls darum. Bitte habt Verständnis dafür, dass wir euch keine Details geben können. Es hat aber keinesfalls Streitigkeiten innerhalb der Band gegeben! Bis Johnny wieder da ist, wird Svante uns am Bass unterstützen. Alles Liebe, eure Escapes

 

Irritiert schaue ich auf die Nachricht. Doch ehe ich Cora fragen kann, was ich mit dem Screenshot anfangen soll, ploppt eine weitere Nachricht meiner Freundin auf.

 

Ich kann es nicht fassen. Wieso so plötzlich? Vorletzte Woche in Regensburg war er doch noch dabei!

 

Tränenbäche weinende Emojis folgen dem Text und bei mir fällt langsam der Groschen. Escape ist diese Band, deren Musik Cora rauf und runter hört. Den einen oder anderen Song habe ich dadurch wohl auch schon aufgeschnappt, aber ich könnte keinen einzigen ansingen. Auch von diesem Johnny habe ich kein Bild vor Augen. Das Foto über der Caption ist im Screenshot abgeschnitten.

 

Mein Daumen schwebt über dem Display. Was soll ich Cora antworten? Kann man Tut mir leid in diesem Zusammenhang sagen oder passt das nur zu Beerdigungen?

 

Oh, tippe ich schließlich. Wie schade.

 

Das gar kein Ausdruck. Ohne Johnny ist Escape irgendwie … ich weiß auch nicht. Fühlt sich ganz seltsam an. Wieso ausgerechnet er?

 

Wie oft habe ich mir diese Frage in den letzten Wochen gestellt?

 

Wenn auch nicht in Bezug auf irgendeinen Musiker.

 

Es gibt Schlimmeres. Er hat scheinbar seine Gründe.

 

Natürlich gibt es Schlimmeres … oh, sorry.

 

Danke, aber das meinte ich gar nicht, texte ich, um ihr wenigstens das schlechte Gewissen zu nehmen. Johnny kommt bestimmt wieder. So stand es doch in dem Post. Und die Musik hast du ja immer noch.

 

„Kaum schaut man mal fünf Minuten weg, schon klebt sie am Handy.“

 

Beinahe fällt mir besagtes Handy aus der Hand, als Laurenz unvermittelt neben mir steht.

 

„Versuchst du wieder, deinen Bruder zu erreichen?“

Der leise Vorwurf in seiner Stimme versetzt mir einen Stich. Als ob ich seine Erlaubnis bräuchte, um mit Matĕj zu telefonieren. Aber jetzt sind Laurenz‘ Sorgen unbegründet.

 

„Ich schreibe mit Cora. Es gibt ein Drama in ihrem Musikhimmel.“

 

„O.“ Laurenz sieht wenig beeindruckt aus. „Glaubst du, sie kommt klar? Dann können wir in See stechen.“ Er zeigt auf ein blaues Tretboot, auf dessen Seite eine schwarze 12 prangt.

 

„Bestimmt“, sage ich, mache ein Foto von dem Boot und schicke es Cora. Kleine Bootstour. Melde mich später.

 

Laurenz reicht mir seine Hand, während ich ins Tretboot klettere und einen Moment brauche, bis ich das Gleichgewicht finde. Sobald ich auf dem harten, sonnengewärmten Plastiksitz Platz genommen habe, macht Laurenz einen großen Schritt vom Steg und sitzt gleich darauf neben mir.

 

„Bereit? Dann, Schiff ahoi.“

 

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Bislang hat Laurenz wenig Anstalten gemacht, ernsthaft Tschechisch zu lernen, aber der Gruß klingt gut.

 

Wir parken rückwärts aus und steuern auf den See hinaus. Es dauert einen Moment, bis wir einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben und ich nicht mehr fürchte, gleich in der Uferböschung auf Grund zu laufen. Dann ist es einfach nur schön. Die Sonne strahlt vom Himmel, eine sanfte Brise streicht mir über die Haut und die Vögel, die über uns ihre Kreise ziehen, machen mein Herz weit. Wir sind so frei wie sie.

 

„Ist das herrlich“, rufe ich lege den Kopf in den Nacken und lasse eine Hand über die Bordwand ins Wasser gleiten. Es ist angenehm kühl. „Können wir das öfter machen?“

 

„Ich weiß nicht, wo man in Erlangen Tretboot fahren kann, aber das finde ich heraus. Wenn es dir so viel Spaß macht.“ Laurenz nimmt die Füße von den Pedalen. „Ich wollte dich noch etwas fragen.“

 

Seine Stimme ist mit einem Mal so ernst, dass mein Herz sich zu überschlagen scheint und ich erschrocken von den Pedalen rutsche. Die eine knallt mir vors Schienbein.

„Autsch.“

 

„O nein, das tut mir leid. Ist es schlimm?“ Laurenz beugt sich über mich und begutachtet mein Bein, noch ehe ich selbst einen Blick darauf werfen kann.

 

Ich atme zischend ein. „Geht schon. Was wolltest du fragen?“

 

Laurenz taucht wieder auf, sieht mich ernst an und nimmt meine Hand. „Was hältst du davon, mit mir zusammenzuziehen?“

 

Mit offenem Mund starre ich ihn an, mein Herzschlag dröhnt zwischen meinen Ohren. So ernst, wie Laurenz schaut, hatte ich mit einer anderen Frage gerechnet, aber das werde ich ihm besser nicht sagen. Am Ende kommt er noch auf seltsame Gedanken.

„Äh …“

 

Eine Falte gräbt sich in seine Stirn und seine Mundwinkel wandern ein Stück Richtung Wasseroberfläche. „Ist dir das zu früh?“ Die Enttäuschung ist nicht zu überhören.

 

„Nein, sorry“, sage ich schnell und nehme seine Hand. „Ich habe nur nicht damit gerechnet. Meinst du, dass ich zu dir ziehen soll?“

 

Laurenz schmunzelt. „Du sollst nicht, du dürftest. Aber ich dachte, wir suchen gemeinsam etwas Neues. Zwei Zimmer, Küche, Bad?“

 

Unwillkürlich taucht das Bild einer kleinen Wohnung mit hellem Parkett, großen Fenstern und Blick auf eine Obstwiese vor mir auf. Es piekst in meiner Brust. Auf diese Aussicht werde ich in Erlangen wohl verzichten müssen. Ich stelle mir Laurenz neben mir in dieser Wohnung vor und das Pieksen wird weniger. Stattdessen wird mir ein wenig flau. Nervosität vor dem Neuen? Weil das, von dem ich so lange geträumt habe, endlich wahr werden kann?

 

Ich beuge mich zu Laurenz rüber und umarme ihn. „Das ist eine schöne Idee. Lass uns das machen.“

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