JOhnny
Der Regen prasselt auf meine Kapuze. Trotz des engen Gummizugs der Regenjacke läuft Wasser meinen Arm entlang, sobald ich die Hand nach einem Apfel ausstrecke. Es ist okay. Irgendwie macht es sogar Spaß.
Ich greife nach einem dicken, rotbackigen Apfel und ziehe ihn vorsichtig vom Baum. Inzwischen weiß ich, wie viel Kraft ich aufwenden darf, damit ich den Apfel samt Stiel vom Ast löse.
„Šest“, zähle ich und lege den Apfel in die Box vor mir. Dann pflücke ich den nächsten.
„Sedm.“
Markéta steht einen Baum weiter rechts und füllt routiniert die Box zu ihren Füßen. Sie lacht mir zu. „Dobře.“
Dieses Wort habe ich in der vergangenen Woche schon oft gehört. Gut heißt es übersetzt. Markéta lobt mich viel, das hilft. So kann ich nach einer Woche immerhin schon auf Tschechisch bis zehn zählen und Guten Morgen sagen. Sie spricht auch ein bisschen Deutsch, aber meistens bleiben wir bei Englisch. Das versteht auch ihr Mann Jiři, wobei der lieber Dinge zeigt, als sie lang zu erklären.
„Osm“, zähle ich weiter und der achte Apfel landet in meiner Box. Eigentlich schon der achtundzwanzigste, aber wie gesagt, weiter als zehn komme ich noch nicht.
„Devĕt, deset.“ Jetzt sind es dreißig. Die Box ist voll und ich kippe die Äpfel vorsichtig in den großen Sack, der zwischen Markéta und mir steht. Die Wassertropfen fließen über die Rundungen und verwischen die Farben, aber vielleicht liegt das auch am Regenschleier.
„Wie viele Äpfel waren es?“, fragt Markéta.
„Dreißig.“
„Auf Tschechisch?“ Sie grinst mich durch den Regen herausfordernd an.
Die Frau hat Humor. Ich kann mich nicht einmal erinnern, was elf heißt, obwohl sie es mir schon gesagt hat.
„Deset a deset a deset.“ Zehn und zehn und zehn sind schließlich auch dreißig.
„Das dauert zu lang“, erwidert sie lachend. „Třicet“, sagt sie dann.
„Třicet“, wiederhole ich. „Třicet … jablko?“
„Třicet jablek“, korrigiert sie. „Dobře.“
Diese Sprache ist mir ein Rätsel. Seufzend nehme ich die leere Box und kehre damit zum Baum zurück, um sie mit weiteren Äpfeln zu füllen. Wasser spritzt mir ins Gesicht, wenn ich einen Ast zu mir ziehe und ihn nach dem Pflücken wieder loslasse. Und obwohl meine Haut sowieso schon nass ist, trifft mich jeder Tropfen aufs Neue unerwartet. Jeder Tropfen, der mit einem kaum hörbaren Pock mein Gesicht trifft, kribbelt und sagt mir, dass ich lebe.
Ich bin da. Hier. Im Regen, im Jetzt. Ich rieche den süßen Duft der Äpfel, den etwas modrigen Geruch von nasser Erde und nassem Gras. Ich spüre die glatte, kühle Oberfläche der Äpfel, die rauen Blätter. Seit drei Stunden mache ich nichts anderes, als Äpfel zu pflücken, in die Box zu legen und die Box regelmäßig wieder zu leeren. Es hat etwas Beruhigendes.
Wenn ein Baum abgeerntet ist, durchströmt mich Befriedigung. So einfach kann es sein. Strecken, pflücken, leeren. Weiter zum nächsten Baum. Strecken, pflücken, leeren. Irgendwann zähle ich auch nicht mehr, sondern bin ganz in dem Moment. Ich pflücke im Regen Äpfel.
Mehr braucht es nicht.
Erst als Markéta mir Stunden später eine Schale mit deftigem Eintopf und ein Brötchen in die Hand drückt, fällt mir ein, dass der Mensch nicht nur von meditativem Obstpflücken lebt. Mein Magen gibt ein wohliges Knurren von sich, sobald mir der Duft von Kartoffeln und Fleisch in die Nase steigt.
Um mich herum herrscht tschechisches Stimmengewirr. Sechs Männer und Frauen drängen sich um den rustikalen Tisch in Markétas und Jiřis Küche. Die Gespräche breiten sich wie ein Klangteppich um mich, werden zu einer Kulisse, in der ich kein Wort von dem anderen unterscheiden, geschweige denn verstehen kann. Meine Arme sind schwer, nur mit Mühe schaffe ich es, den Löffel in die Schale zu tauchen und zum Mund zu führen. Mein Sichtfeld verengt sich. Nur noch der Eintopf und meine Hand.
Jemand klopft mir zwei Mal kräftig auf die Schulter und ruft etwas. Ich lande beinahe mit dem Gesicht im Essen.
„Was?“, frage ich irritiert. Ging es überhaupt um mich?
„Petr sagt, du hast gut gearbeitet“, sagt Markéta lächelnd.
„Dík“, sage ich, was mir ein weiteres Schulterklopfen einbringt.
Petr lacht und gibt ein paar weitere Sätze von sich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich immer noch gemeint bin, aber ich lächle. Das ist das Mindeste, auch wenn niemand zu erwarten scheint, dass ich mich aktiv am Gespräch beteilige.
Die ausgelassene Stimmung kippt schlagartig, als Jiři in der Küche auftaucht.
Neben ihm steht Matĕj. Obwohl ich nun schon einige Tage hier bin, habe ich Markétas und Jiřis Sohn erst zweimal zu Gesicht bekommen. Schlank, dunkelhaarig und mit definierten Oberarmen. Ein attraktiver Typ, wenn nicht seine verbitterte Miene wäre.
Schon bei unserer ersten Begegnung war sie das Erste, was mir an ihm auffiel. Die zusammengepressten Lippen, das trotzig vorgeschobene Kinn. Auch jetzt strahlt sein ganzer Körper Ablehnung aus. Matĕj hält den Kopf gesenkt und hat den Oberkörper halb abgewendet. Wenn sein Vater ihn nicht an den Schultern festhalten würde, wäre er wahrscheinlich längst wieder umgedreht und in seinem Zimmer verschwunden, wo er sich fast die ganze Zeit aufhält.
„Ahoj, Matĕj“, sagt eine der Frauen und fügt noch etwas hinzu. Es klingt betont freundlich, aber ich sehe ihren bekümmerten Blick.
Matĕj kann ihn nicht sehen, er ist blind. Aber er scheint ihn zu hören. Er murmelt etwas, das frustriert klingt, und er windet sich aus Jiřis Griff und dreht sich um. Kurz darauf poltert es draußen im Flur und Matĕj flucht, nehme ich wenigstens an. Dann stampft er die Treppe hoch.
Markéta lässt seufzend die Schultern hängen, Tränen schwimmen in ihren Augen. Jiři schüttelt den Kopf. Die Frau, die Matĕj angesprochen hat, legt ihren Arm um Markéta und redet tröstend auf sie ein. Ich rutsche auf meinem Platz hin und her.
Plötzlich passe ich nicht mehr in die Runde.
Alle, die hier sitzen, kennen Matĕj schon lange. Sie wissen, wie er vor dem Unfall war, von dem Markéta mir kurz erzählt hat. Es ist noch nicht lange her. Knapp drei Monate.
Die Gruppe am Tisch schweigt, tröstet, trauert gemeinsam. Ich bin nur zum Schweigen zu gebrauchen, und selbst dafür fehlen mir die Worte.
Leise stehe ich auf, stelle meine Schale in die Spülmaschine und bedanke mich fürs Essen. Dann gehe ich ebenfalls nach oben. In der ersten Etage halte ich kurz inne. Die zweite Tür führt zu Matĕjs Zimmer. Ich mache einen Schritt auf die Tür zu, hebe meine Hand.
Schwachsinn. Ich spreche gerade mal ein paar Wörter Tschechisch. Außer Hallo und seinen Namen hat Matĕj mit mir noch kein Wort gewechselt. Er scheint auch nicht gerade begeistert, dass ich hier bin. Bei mir wird er sich wohl kaum das Herz ausschütten.
Langsam gehe ich die schmale Treppe nach oben in die Dachkammer und werfe mich aufs Bett. Matĕj ist einsam und verzweifelt. Das war nicht zu übersehen. Ich trommle mit den Fingern auf die Matratze, fahre mit der Hand über das Laken. Für ihn hat sich von jetzt auf gleich alles verändert. Alles, wovon er geträumt hat, funktioniert nicht mehr.
Ich ringe nach Luft. Schließe die Augen. Balle die Hand zur Faust, das Laken noch immer zwischen den Fingern.
Fuck. Die anderen fehlen mir.
Die Gigs. Mein Bass. In den letzten neun Jahren gab es genau vier Tage, an denen ich nicht Bass gespielt habe. Jetzt sind es schon zwei Wochen. Auf einmal habe ich mein Handy in der Hand. Seit drei Tagen steckt eine tschechische Prepaidkarte darin.
Schon habe ich Freddys Kontakt ausgewählt.
Lustig, wie du glaubst, anderen was vormachen zu können. Du bleibst ein Nichts.
Ich kneife die Augen zusammen. Aber das Bild von ihm bleibt.
Hässlich. Dreck. Loser.
Mit verschwommenem Blick schließe ich die Kontaktliste wieder. 20.08. verrät mir die Datumsanzeige. Morgen ist der nächste Festival-Gig. Mann, was haben wir uns darauf gefreut, an der Nordsee zu spielen. Ob die anderen trotzdem spielen? Ohne mich? Sie müssen. So spontan lässt sich das Line-Up nicht mehr ändern. Die Verträge sind längst geschrieben. Ich habe sie hängen lassen.
Er hat recht. Ich bin ein Versager.
Der Rahmen des Smartphones drückt hart gegen meinen Handballen. Wenn ich noch fester drücke, wird eins von beiden nachgeben. Ich öffne den Mund, würde gern schreien. Aber da kommt nichts. Kein Schrei, kein Stöhnen, nicht einmal ein verdammtes Wimmern. Mein Kopf ist dafür umso voller. Bilder. Gedanken. Worte. Alles fliegt durcheinander, schlägt auf mich ein, bis alles dröhnt. Es muss raus.
Ich öffne die Notiz-App und tippe drauflos.
Hey.
Ich denk an euch.
Ihr fehlt mir.
Es tut mir so leid.
Wäre so gern bei euch. Morgen ist das Watt n‘ Rock. Seid ihr schon da? Kann man von der Bühne wirklich das Meer sehen?
Fuck. Ich lass euch hängen und fasel hier irgendwas vom Meer.
Glaubt mir, ich wünschte, es wäre anders gekommen Ich hab mir das nicht ausgesucht.
Würd euch gern sagen, wo ich bin, wieso ich abgehauen bin. Aber es ist besser so. Für euch. Ihr seid ohne mich besser dran.

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