Kapitel 8 - Geburtstag auf Fränkisch

Alena

Als Laurenz den Blinker setzt und sich in die Spur zur Ausfahrt einfädelt, wird mir flau im Magen. Ich grabe meine Finger in die kleine Vertiefung unter dem Türgriff und zwinge mich, tief durchzuatmen.

„Was ist los? Ist dir schlecht?“

„Ein bisschen.“ Aus dem Augenwinkel sehe ich Laurenz besorgt zu mir rüberschauen. 

„Soll ich das Fenster aufmachen?“

 

Ich nicke. Die Scheibe verschwindet mit leisem Summen in der Tür und sofort zerrt Fahrtwind an meinem Haar. Ein Hauch von Gülle steigt mir in die Nase.

 

Laurenz verzieht das Gesicht. „Frische Luft geht anders.“

 

„Nein, das ist perfekt“, sage ich und atme tief ein. Der Geruch besänftigt meinen Magen. Ich wusste, dass meine Übelkeit nichts mit Laurenz‘ Fahrstil zu tun hat. Wir haben das Ende der Abfahrt erreicht. Von der gegenüberliegenden Straßenseite leuchtet mir das gelbe Straßenschild entgegen, dessen Pfeilspitze nach rechts zeigt, Bayreuth, fünf Kilometer. Wieder flattert es in meinem Magen. Das Ticken des Blinkers gibt den Takt für den Tanz dieser verdammten Schmetterlinge vor.

 

„Spricht deine Oma eigentlich Bairisch?“

 

Laurenz schnalzt mit der Zunge und schüttelt den Kopf. „Fränkisch.“

 

Ich senke beschämt den Kopf. Das mit den unterschiedlichen Dialekten in Bayern habe ich auch nach einem Jahr noch nicht raus. Zwar höre ich Unterschiede, aber regional zuordnen kann ich die wenigsten.

 

„Aber keine Sorge, sie spricht auch Hochdeutsch. Na ja, meistens zumindest.“

 

Sofort flattern die Schmetterlinge wieder auf und ich rutsche etwas tiefer in das Polster des Beifahrersitzes.

 

„Was, wenn ich sie nicht verstehe oder etwas falsches sage?“

 

„Das macht dir Sorgen? Dein Deutsch ist perfekt. Außerdem erwartet niemand von dir lange Fachvorträge.“

 

Ich kaue auf meiner Unterlippe. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich gleich lieber einen Fachvortrag halten als mich in fränkischem Smalltalk zu üben. Aber ich habe keine Wahl. Nicht mehr. Schon vor drei Wochen habe ich Laurenz versprochen, ihn zum achtzigsten Geburtstag seiner Oma zu begleiten. Das war allerdings vor meiner Begegnung mit einem Künstler, den ich für das kommende Kulturfestival kontaktieren sollte, und den ich auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht verstanden habe. Er war sehr ungehalten und hat zwischendurch etwas davon gemurmelt, dass es unverantwortlich sei, wichtige Informationen von Leuten abfragen zu lassen, die des Deutschen nicht mächtig sind. Mir lag ein „Selber“ auf den Lippen, das ich mir natürlich verkniffen habe. Die Zweifel über meine Deutschkenntnisse haben sich trotzdem festgesetzt.

 

Laurenz lenkt das Auto auf den Parkplatz eines großen weißen Fachwerkhauses. Was in goldenen gebrochenen Buchstaben auf der grünen Tafel über dem Eingang steht, kann ich nicht erkennen, aber es wird der Name des Lokals sein, in dem die Feier stattfindet. In diesem Moment bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt noch Deutsch kann. Meine Daumen kreisen um meine Fingerspitzen.

 

Laurenz stellt den Motor ab, dreht sich zu mir und hält meine Hände fest. „Du bist gut, Alena. Meine Oma wird dich mögen. Und wenn dir etwas zu viel wird, da bleibst bei mir oder meiner Mutter.“

 

Er küsst mich und drückt meine Hand. „Es ist schön, dass du dabei bist.“

 

Ich bemühe mich um ein ungezwungenes Lächeln. Ist Laurenz aufgefallen, dass er bei seinem letzten Halbsatz selbst ins Bairische, Fränkische oder was auch immer für einen Dialekt verfallen ist? Das wird schon, rede ich mir selbst gut zu, und als ich Hand in Hand mit Laurenz auf das Lokal zugehe, wächst mit jedem Schritt ein bisschen Zuversicht.

 

„Alles Liebe zum Geburtstag, Oma.“

 

Laurenz umarmt eine groß gewachsene Frau in fliederfarbenem Hosenanzug, die umgeben von Leuten neben der langen weiß eingedeckten Tafel steht. Das Licht des Kronleuchters scheint golden auf ihrem kurzen silbergrauen Haar und bricht sich in den Gläsern einer modischen Brille, hinter der wache Augen uns entgegenstrahlen. Ich muss mich konzentrieren, damit mir der Mund nicht aufklappt. Das ist Laurenz‘ Oma? Die heute ihren achtzigsten Geburtstag feiert? Laurenz hat sich bestimmt um zehn Jahre verrechnet. Mindestens! Diese Frau sieht aus, als habe sie gerade eben das Rentenalter erreicht.

 

„Oma, darf ich dir Alena vorstellen?“

 

Mechanisch strecke ich meine Hand aus. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Frau Hübner. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Vielen Dank für die Einladung.“ Ich überreiche ihr den kleinen Blumenstrauß, den ich heute Morgen gekauft habe, und der mir jetzt lächerlich vorkommt im Vergleich zu den riesigen Gebinden, die sich auf dem Geschenketisch aneinanderreihen.

 

Laurenz‘ Oma lacht und drückt meine Hand lang und herzlich. „Danke, es freut mich auch. Bitte, sag Marianne.“

 

„Gern. Danke.“ Hitze schießt mir ins Gesicht und noch einmal flattern die Schmetterlinge kurz auf, ziehen sich dann aber dankenswerterweise zurück. Marianne ist unkompliziert. Wenn der Rest von Laurenz‘ Familie genauso tickt, dann könnte diese Feier ganz schön werden.

 

Da weitere Gäste hinter uns stehen und darauf warten, Marianne zu gratulieren, treten wir zur Seite und laufen prompt Laurenz‘ Eltern in die Arme. Seine Mutter Theresa trägt ein dunkelgrünes Kostüm, das sie in der Kombination mit einer beigen Bluse und einem lachsfarbenen Seidentuch älter aussehen lässt als sie ist. Nicht wie achtzig. Aber Marianne wirkt trotz des silbergrauen Haars jugendlicher als ihre Schwiegertochter. Vielleicht muss man als leitende Angestellte so aussehen. Ich kenne mich damit nicht aus. Meine Eltern tragen meist Arbeitskleidung, und meine Großeltern sahen auch mit siebzig schon alt aus. So wie man halt aussieht, wenn man ein Leben lang hart in der Landwirtschaft gearbeitet hat.

 

„Schön, euch zu sehen. Hattet ihr eine gute Fahrt?“

 

Theresas Outfit tut ihrer Herzlichkeit keinen Abbruch. Mit einem strahlenden Lächeln schließt sie erst Laurenz, dann mich in die Arme. „Der Rock steht dir fei gut.“

 

„Danke.“ Meine Wangen werden warm und ich senke den Blick. Was zur Hölle heißt fei? Ist es bestärkend oder abmildernd gemeint? Vorsichtig hebe ich den Kopf ein Stück. Theresa lächelt noch immer. Ich nehme es als Hinweis darauf, dass fei nichts Negatives bedeutet.

 

„Servus.“ Laurenz‘ Vater Johannes streckt mir seine Hand entgegen und ich schüttle sie erleichtert. Immerhin habe ich mich an diese süddeutsche Begrüßung mittlerweile gewöhnt. „Wie läuft das Studium? Viel zu tun?“

 

„Es geht. Mein Praktikum beim Kulturfestival läuft noch zwei Wochen und an meiner Hausarbeit fehlt noch der Feinschliff.“ Dass dieser Feinschliff noch zehn Seiten Textproduktion und Formatierung von Fußnoten umfasst verschweige ich lieber. Im Moment mag ich auch gar nicht daran denken, sonst verfalle ich nur in Panik über die erschreckend kurze verbleibende Zeit.

 

„Papa“, sagt Laurenz mahnend und zieht mich aus der Schusslinie. „Typisch Lehrer“, flüstert er mir zu.

 

Zum Glück schlägt Marianne in diesem Augenblick mit einem Buttermesser an ein Glas und bittet uns, Platz zu nehmen. Laurenz und ich haben unsere Plätze an der Mitte des Tischs, gegenüber eines blonden jungen Manns, der Laurenz grinsend und mit einem mir unverständlichen Wortschwall zur Begrüßung auf die Schulter klopft.

 

Ich bin um ein unbeschwertes, fröhliches Gesicht bemüht, aber die Schmetterlinge machen sich wieder bemerkbar. Wird das den ganzen Tag so weitergehen? Soll ich so tun, als würde ich etwas verstehen? Nachfragen? Oder lieber schweigen?

 

„Alena, darf ich dir meinen Vetter vorstellen?“, unterbricht Laurenz meine Gedanken, doch besagter Vetter streckt mir schon seine Hand entgegen.

 

„Servus, ich bin der Martin.“

 

Also, ich nehme an, dass er Martin heißt, denn was ich höre, ist Marrdddin. Aber so heißt doch kein Mensch. Oder?

 

„Freut mich. Alena.“

 

Martin hebt eine Augenbraue, als ich meinen Namen sage und auf der ersten Silbe betone. „Aus Russland?“

 

Ich verkneife mir ein Räuspern. „Tschechien.“

 

„Sorry.“ Er hebt entschuldigend die Hände. „Ich bin fei schlecht darin, Namen zuzuordnen.“

 

Schon wieder dieses fei. Ich sollte nachfragen. Stattdessen sage ich „Kein Problem.“

 

Zwischen Pilzcremesuppe und Wildschweinbraten stellt sich heraus, dass Martin auch Hochdeutsch kann. Gemeinsam mit Laurenz übersetzt er mir das auf Fränkisch vorgetragene Gedicht von Mariannes Freundeskreis, und als er mich zum Nachtisch, bestehend aus Apfelstrudel mit Vanilleeis, bittet, ihm ein paar Sätze auf Tschechisch beizubringen, habe ich ihm die Russland-Assoziation verziehen.

 

„Geht es dir gut?“, fragt Laurenz später.

 

Einige Gäste haben Instrumente mitgebracht und spielen zum Tanz auf. Ich wiege mich mit Laurenz im Takt. Unsere Nasenspitzen sind einander so nah, dass kaum ein Blatt Papier dazwischen passt. Seine Hände ruhen auf meinen Hüften, meine Rechte liegt auf seiner Brust. Die Holznote seines Parfüms streift meine Nase. Ein Duft, der alles in mir zum Kribbeln bringt.

 

„Ja. Es ist schön, hier zu sein.“ Hier, bei ihm, in seinen Armen.

 

Seine Mundwinkel heben sich leicht. „Dann waren deine Sorgen also unbegründet?“

 

Ich seufze. „Ja, du hattest recht. Außer …“

 

„Außer?“

 

„Was heißt fei?“

 

Laurenz bleibt unwillkürlich stehen, was mich trotz des langsamen Tanzes stolpern lässt. Er fängt mich auf, sieht mich mit großen Augen an. „Fei?“

 

„Ja, ihr sagt das ständig, und ich habe einfach keine Ahnung, was es bedeutet. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Wort?“

 

„Hm.“ Laurenz kratzt sich am Kinn. „Neutral, würd ich sagen.“

 

„Aber was heißt es?“

 

„Gib mal ein Beispiel.“

 

Na toll. Das ist doch seine Sprache. Weiß er nicht am besten, wann er dieses Wort benutzt? Ich krame in meinem Gedächtnis, bis der Satz seiner Mutter mir einfällt. „Der Rock steht dir fei gut.“

 

„Fei … eigentlich heißt es nichts. Der Satz funktioniert auch ohne“, sagt Laurenz nach ein paar Sekunden.

 

„Ein Füllwort also?“

 

„Ja, schon irgendwie. Aber es macht eine Aussage deutlicher, wie eine Bekräftigung vielleicht.“

 

„Kann ich also sagen, das finde ich fei schwierig zu verstehen?“

 

Laurenz zieht mich wieder in seine Arme und küsst mich. „Kannst du, aber dann würdest du lügen. Ich finde, du hast das fei gut verstanden.“ Er streichelt meinen Oberarm, wandert hinauf bis zu meinem Nacken.

 

Mir wird warm. Viel wärmer als in diesem Moment angebracht ist. Ich brauche Ablenkung. Hier ist nicht der richtige Ort, nicht die richtige Zeit. „Ich würde fei gern noch ein bisschen üben.“

 

Laurenz massiert meinen Haaransatz. Sanft drückt er seine Lippen auf meine. „Immer“, sagt er leise. Ein weiterer Kuss. Dann ist seine Stimme kaum mehr als ein Hauchen, trotzdem geht sie mir durch Mark und Bein. „Ich würde fei gern noch ganz andere Sachen mit dir üben.“

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