„Hier sind für euch Escape mit Trust!“
Die letzten beiden Worte der Moderatorin gehen im Jubel der Menge unter und ich wünschte, ich hätte meine Noisecancelling-Kopfhörer, oder wenigstens die Inears. Aber wie die anderen Bands auch, spielen wir heute mal wieder Playback. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, aber Spaß macht es mir immer noch nicht.
„Hiergeblieben!“
Scott packt mich an der Schulter und zieht mich zurück in den Saal, wo sich die Leute beinahe stapeln. Gerade so einen Seufzer unterdrückend, werfe ich einen letzten sehnsüchtigen Blick Richtung Bar.
„Mann, ich hab‘ Durst.“
Grinsend drückt Scott mir eine kalte Halbliterflasche Wasser in die Hand. Wenn ich nicht zu genervt wäre, müsste ich ihm dafür eigentlich Respekt zollen. Woher hat er so plötzlich das Wasser? Und wie zur Hölle hat er es kalt gehalten?
Mit geschlossenen Augen lege ich den Kopf in den Nacken und atme tief durch, ehe ich den Schlüssel aus der Tasche hole und die Tür zu meinem Airbnb aufschließe. Es ist noch dämmrig, aber schon heller als vor einer halben Stunde, als ich losgelaufen bin. Dank der kühlen Luft bin ich jetzt auch wach.
Die anderen halten mich für bescheuert, dass ich mir diese frühmorgendlichen Laufrunden immer noch antue, und mein innerer Schweinehund hätte ihnen heute sogar recht gegeben.
Es klopft von links. Falsche Richtung. Irritiert öffne ich die Augen und sehe mich um. Sitzecke, Fernseher, Schreibtisch, halboffene Tür zu einem Bad. Irgendein Hotelzimmer, kennt man eins, kennt man alle. Aber in welcher Stadt befinde ich mich?
Es klopft erneut.
„Ja?“, rufe ich, rapple mich auf und sehe mich nach meinem Handy um, in der naiven Hoffnung, dass das mir einen heißen Tipp geben kann, wo ich gerade bin. Leider kann ich das Gerät nicht finden. Verdammt.
Ben schlägt rhythmisch Akkorde, während Freddys Finger in atemberaubenden Tempo über den Hals seiner E-Gitarre fliegen. Ich werfe Martin neben mir einen raschen Blick zu. Unser Produzent zieht imponiert die Augenbrauen nach oben und die Mundwinkel nach unten und nickt.
„Ziemlich geil“, sagt er, als die beiden schließlich enden.
Ben und Freddy grinsen sich an und machen ein High-Five, Freddy deutet eine kleine Verbeugung an.
„Für das Album würde ich das Solo allerdings kürzen“, sage ich.
Vor dem Privatjet steht ein Kleinbus für uns bereit. Wir können praktisch aus dem Flugzeug direkt ins Auto fallen. Andy bleibt trotzdem kurz auf der obersten Treppenstufe stehen, breitet die Arme aus und ruft: „Bella Italia!“
Ich sehe über seine Schulter das Rollfeld entlang. Lange graue Gebäude, ein Tower, Asphalt und grüngelbe Grasstreifen dazwischen. Flughafen halt, auch die sehen irgendwie alle gleich aus. Aber vermutlich hat Andy recht, er freut sich schon seit zwei Wochen auf Italien.
Eine Bucht mit tiefblauem Wasser, Felsen, die mystisch aus dem Wasser ragen und eine Burg, die auf einer Felseninsel thront. Ich muss Noahs Kommentar in seiner Instagram-Story recht geben – es gibt schlechtere Orte zum Arbeiten. Die kurzen Einblicke, die er vom Videodreh auf Sizilien geteilt hat, sind zwar alle vom offiziellen Five2Seven-Account, aber er hat sie mit seinen jeweils eigenen Sprüchen versehen. Ich lasse die Stories durchlaufen und schnipple gleichzeitig einen Apfel in meine Portion Haferflocken.
Regentropfen fließen in bizarren Mustern an der Fensterscheibe des Taxis hinunter, das mich zum Flughafen bringt. Typisches Londoner Wetter, ich werde es in den nächsten Tagen kaum vermissen. Genauso wenig wie alles andere, das ich hier zurücklasse. Okay, Marble ist die goldene Ausnahme. Mit ihr hätte ich gern noch mehr Zeit gehabt. Ich habe meine Zwillingsschwester das letzte Jahr über viel zu wenig gesehen.
Auf den Rest meiner Familie hätte ich allerdings spätestens seit gestern Abend schon wieder verzichten können. Aber wie üblich hatte Dad das Osterfest professionell durchgeplant und ein Skript für seine Social Media Aktivitäten, die beinahe sämtliche Familienmitglieder mit einschließen, geschrieben.
„Cut!“ Die Stimme des Regisseurs hallt von der nassen Backsteinmauer wider.
Ich schüttle mich. Seit dem frühen Morgen sind wir hier an der alten Lagerhalle am Hafen und drehen unser nächstes Musikvideo, und mittlerweile kann ich mir nicht mehr erklären, wieso ich mich jemals für das Drehbuch habe begeistern können. Ein Dreh im Regen. Wer ist auf diese bescheuerte Idee gekommen?
„Yes!“ Ich balle die Hand zur Faust und ziehe sie in triumphierender Geste ruckartig nach unten, während meine Mundwinkel gen Ohren wandern und ich den Blick nicht vom Display meines Smartphones abwenden kann.
In der Halle ist es halbdunkel, noch drei Minuten bis zum Konzert. Unsere Crew checkt ein letztes Mal, ob wir richtig verkabelt sind, doch ich blende die Geräusche und das Gewusel um mich herum aus.
In meiner Seite sticht es und mein Hals brennt wie Hölle. Trotzdem ziehe ich das Tempo auf den letzten Metern noch einmal an. Vorbei an der Bushaltestelle, links um die Ecke und schon kommt unser Haus in Sicht. Das Blut rauscht in meinen Ohren, mir ist schlecht und die Hände auf die Knie stützend beuge ich mich vor und ringe nach Luft. Das war neuer Rekord. Genau messen kann ich es nicht, weil ich meine Laufuhr im Bad habe liegen lassen, aber ein kurzer Blick auf mein Handy verrät mir, dass erst knappe vierzig Minuten vergangen sind, seit ich zu meiner 10-Kilometer-Runde aufgebrochen bin. Also bleiben immer noch drei Stunden bis zu meiner Verabredung mit Noah. Großartig!
Fuck. Fuck. Fuck. Kaum, dass ich hinter Jayden im Auto sitze und wieder auf dem Weg zum Flughafen bin, vergrabe ich mein Gesicht in den Händen und presse die Lippen aufeinander. Das war ja mal eine einzige Katastrophe.
Neben mir auf der Rückbank liegen die Noten, die Kristina mir mitgegeben hat, und die mich daran erinnern, was der eigentliche Sinn unseres Treffens war. Aber sonderlich erfolgreich war zumindest ich nicht. Kristina hat sich alle Mühe gegeben, glaube ich, nur vermutlich nicht mit meiner Unfähigkeit gerechnet.
Meine Lider sind schwer wie Blei, drücken unbarmherzig nach unten, sodass ich alle Kraft aufwenden muss, um die Augen offen zu halten. Nach vier intensiven Studio- und Probetagen habe ich selbst für meine Verhältnisse ein ansehnliches Schlafdefizit aufgebaut. Erst vor sechs Stunden bin ich aus dem Studio zurückgekommen und musste noch meine Tasche für heute packen. Jetzt sitzen wir schon seit einer dreiviertel Stunde im Bus, der uns zu unserem Konzert nach Düsseldorf fährt, und ich höre zum fünften Mal unseren neuen Song, den ich heute Nacht noch mit Martin abgemischt habe. Ich könnte die Augen schließen, immerhin muss ich nur hören. Aber ich fürchte, wenn ich sie einmal geschlossen habe, schlafe ich ein. Erneut lasse ich den Song laufen, will alle Details heraushören. Die ersten Takte klingen super, der Bass ist nicht zu dominant, die Snare scheppert nicht.
„Follow me to a new tomorrow! Uuhhh.”
Wir verharren mit den Mikros vor unseren Mündern, während das Licht ausgeht und die Menge in der Halle ausrastet. Vereinzelt kann ich unsere Namen aus dem Rauschen des Applaus und dem hysterischen Jubel heraushören, orten kann ich sie jedoch nicht. Ich spüre, wie Suma neben mir sich bückt, und ich tu es ihm gleich, um mein Mikro auf den Bühnenboden zu legen. Schon im nächsten Augenblick geht das Licht in der Halle wieder an, aus den Boxen dringt die Studioversion von Heartbroken, und die Rufe der Fans werden noch um einige Dezibel lauter, als wir von der Bühne kommen und uns an der ersten Absperrung entlang auf den Backstage zu bewegen.
„Nein, nein, nein!“ Stöhnend stütze ich die Ellbogen aufs Mischpult und vergrabe den Kopf in den Händen, sehe aber sofort wieder auf und gebe Ben durch die Scheibe ein Zeichen, dass er aufhören soll zu spielen. Nicht nur er zieht die Stirn in Falten, auch Martin sieht mich irritiert an.
„Was ist denn los? Das war doch gut.“
Ich schüttle den Kopf und ziehe mir die Kopfhörer von den Ohren. „Das klang schief.“
„Was? Ich habe extra noch einmal nachgestimmt“, ruft Ben empört und kommt zu uns in den Regieraum.
Im Hotelzimmer ist es still. Kein Kühlschrank brummt, der Fernseher summt nicht und weder von der Straße noch vom Gang vor der Tür dringt irgendein Laut herein. Dafür ist es in meinem Kopf umso lauter, und egal, was ich versuche, der Lärm verschwindet nicht. Tief atmen, Luft anhalten, langsam ausatmen, mich nur auf meinen Körper konzentrieren, es klappt nicht. Ich bin hundemüde, muss in fünf Stunden wieder aufstehen und kann nicht einschlafen.
Das Whiteboard in Piets Büro erleuchtet den Raum und offenbart eine Deutschlandkarte, auf der überall rote Pins stecken, die die Standorte unserer anstehenden Clubtour markieren.
„Krass, doch so viele Gigs“, entfährt es mir.
„Zwölf Konzerte. Dazu kommen dann im Sommer die Festivals.“ Piet tippt auf sein Tablet und auf der Landkarte tauchen fünf weitere Pins auf, diesmal in blau.
Ich schließe die Hände um meine Tasse, aus der mir der Dampf von grünem Tee heiß in die Nase steigt. Das beruhigt. Denn obwohl Konzerte inzwischen zu unserem Leben dazugehören und ich es liebe, vor Publikum zu spielen, flattern bei der Ankündigung der neuen Tour nervöse Schmetterlinge in mir auf. Dabei weiß ich seit Monaten, dass vor der eigentlichen Tour im Herbst, die Clubkonzerte anstehen. Zumindest theoretisch.
Ein salzig-herber Geruch kriecht mir in die Nase, noch bevor ich den Vorhang vor meiner Schlafkoje zur Seite schiebe. Ich drücke mein Gesicht ins Kissen, um dem Geruch zu entfliehen. Wovon habe ich gerade geträumt? Gab es da nicht irgendetwas Schönes, an das ich mich erinnern kann?
Jemand kommt den Gang zwischen den Betten entlang und schafft es, trotz Teppichboden, laut zu trampeln.
„Guten Morgen, aufwachen, es gibt Porridge!“
„Run, run, run. Run until you fly.”
Meine Wangenmuskulatur spannt sich, während ich den Refrain immer wieder in das Mikro vor mir singe. Durch die Studioarbeit in den letzten Wochen haben wir Freddys Song gefühlt ewig nicht mehr gespielt und ich habe fast vergessen, wie viel Spaß es macht, auch wenn gerade kein Publikum hier ist, das mitfeiert.
Kaum hat Dads Fahrer Vincent das Auto vor unserer Villa geparkt, fliegt die Haustür auf und Marble stürmt heraus. Sie fällt mir um den Hals, drückt mich lang und fest und presst dabei ihren Kopf gegen meine Brust.
„Enlich bis du da.“
Ja, endlich bin ich da. Zumindest für diesen Moment kann ich meiner Zwillingsschwester nur zustimmen. Was sie angeht, unterschreibe ich das endlich zu hundert Prozent, auch wenn mit jeder Flugmeile der Unwillen gegen mein Ziel gewachsen ist. Ich habe nicht die geringste Lust auf die Dreharbeiten von Dads bescheuerter Reality-Soap.
Aber Marbles innige Begrüßung versöhnt mich mit meinem Schicksal. Bei ihr bin ich zu Hause.
Meine Frisur ist locker, sobald ich mich auch nur leicht bewege, habe ich das Gefühl, als würde mir der aufgedrehte Haarknoten vom Kopf fallen. Habe ich eben die Haarnadeln nicht richtig festgesteckt? Zum fünften Mal taste ich nach den schmalen Spangen unter meinem Haar und versuche gleichzeitig, den Fragen der Journalistin zu folgen. Ich vermute, dass sie normalerweise mit Künstlern anderer Musikrichtungen spricht, da sie immer wieder auf ihre Notizen schaut und ihre Fragen klingen, als hätte sie auf die Schnelle gegoogelt, was Indie-Rock ist.
Wie ein Tiger im Käfig laufe ich in der Hotelsuite auf und ab. Jayden ist vor einer Minute runter gegangen, um Kristina abzuholen. Ist er schon unten in der Tiefgarage? Sind sie womöglich bereits auf dem Weg nach oben?
Okay, ganz ruhig. Ich bleibe stehen, zwinge mich, tief durchzuatmen, und strecke die Arme durch, wobei ich die Hände gen Boden drücke. Meine Zeigefinger zittern. Verdammt, wie soll ich so gleich Klavier spielen?
Noah. Ein Wort, ein Name, ist alles, was ich denken kann. Immer wieder formen meine Zunge und meine Lippen diesen Namen, ohne ihn laut auszusprechen. Noah, Noah, Noah. Ich liege neben ihm, die Augen geschlossen, in enger Umarmung, seine warme Haut an meiner. Seine kurzen Barthaare reiben rau gegen meine Hand, während mein Kopf durch das Auf und Ab seines Brustkorbs sanft angehoben und wieder gesenkt wird. Noah.
Die Doppelseite des Notizbuchs auf meinen Knien ist vollgekritzelt mit Vierzeilern, einzeln Sätzen, unterstrichen, durchgestrichen. Ein knapper Zentimeter am unteren Rand des Papiers ist noch frei und mit fliegender Hand schreibe ich noch ein paar Worte dazu.
You are like a mirror to my soul.
Ich starre auf die Zeile, deren Buchstaben sich stark krümmen, um überhaupt noch auf die Seite zu passen. Das Chaos im Notizbuch spiegelt so ziemlich wider, wie es in meinem Innern aussieht. Ein Spiegel meiner Seele.
„Sind Sie sicher, dass ich nicht warten soll, Miss?“, fragt der Taxifahrer mit skeptischem Blick auf die graue Fassade und den noch graueren geteerten Vorplatz ohne jeden Baum oder Strauch. Ich weiß nicht, was er sonst in seinem Job erlebt, und vielleicht ist dieses Viertel nicht die Gegend, wo er üblicherweise hinfährt, aber seine wiederholte Frage beunruhigt mich nun doch ein wenig.
„Das hier ist doch 73 Penny Road, oder?“
Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es am nächsten Morgen ins Studio, nachdem ich Kristina verabschiedet habe. Wenn es nur nach uns gegangen wäre, hätte ich sie bis zum Gate gebracht, so blieb es bei einem langen Kuss auf der Rückbank des Taxis. Ich setze auf den Ehrencodex des Taxifahrers, dass davon nichts an die Öffentlichkeit dring. Okay, und ein bisschen auf das großzügige Trinkgeld, das ich von der Fahrt vom Flughafen bis hierher habe springen lassen.
Andy kommt mir aus der kleinen Küche mit zwei Kaffeebechern entgegen und drückt mir einen in die Hand.
„Danke, womit habe ich das denn verdient?“, frage ich überrascht. Normalerweise muss ich mir meinen Kaffee selbst holen.
„Ich dachte, du könntest den gebrauchen. Du hast doch bestimmt die halbe Nacht Klavier geübt.“
Challenge für heute: Detailaufnahme, die schwer zu erraten ist. (Maximal drei Versuche)
Lächelnd lege ich das Handy zur Seite, sobald ich Noahs Nachricht gelesen habe, und widme mich wieder meinem Tee.
„Was ist los?“
„Nichts, was soll sein?“ Ich lasse das Lächeln fallen und schenke Joshie einen, so hoffe ich, neutralen kurzen Blick. Aber meine beste Freundin lässt sich nicht beirren.
„Tu nicht so. Seit Tagen grinst du immer, sobald du dein Handy in der Hand hast, und du singst in einer Tour vor dich hin.“
Harry grinst von einem Ohr zum anderen, als ich an diesem Morgen das Studio betrete. Nach fast zweieinhalb Wochen Aufnahmen kommt mir das Studio hier schon vertrauter vor als das Wohnzimmer zu Hause, was allerdings auch kein Wunder ist. Nach wie vor bin ich mit Dad allein in der Villa, vom Dienstpersonal mal abgesehen, und auch wenn wir uns dank unserer jeweiligen Termine kaum sehen, stelle ich mit jeder Minute, die wir gemeinsam verbringen, fest, wie wenig wir uns zu sagen haben.
„Lass mich auch endlich gucken.“ Johnny versucht, mir den Probedruck des Booklets aus der Hand zu ziehen, aber mein Griff ist zu fest.
Piet verdreht die Augen und gibt ein theatralisches Seufzen von sich. „Kinder, streitet euch nicht. Es ist genug für alle da.“
Er zieht einen Stapel Papier hervor und reicht je ein Exemplar an Johnny, Freddy und Joshie. Auch Ben, der mir bis eben über die Schulter gesehen hat, nimmt einen Probedruck von Piet entgegen.
„Du Schuft, das hättest du auch mal früher sagen können“, empört Ben sich.
Es ist spät, als ich wieder nach Hause komme. Wir haben heute im Studio noch einmal alles gegeben, um die Chöre für weitere Songs einzusingen und noch das eine oder andere Solo aufzunehmen. Gut zwölf Stunden im Studio. Dass es draußen wohl ein schöner Tag war, lässt sich nur noch an der warmen Fassade unserer Villa erahnen. Wahrscheinlich wäre es auch im Garten noch ganz schön, aber als ich Dad auf der Terrasse telefonieren sehe, mache ich gleich wieder kehrt.
Noah und ich fahren auseinander. Einen Moment lang starren Ben und wir uns an, bis Ben sich als erster wieder fängt.
„Hab mein Ladekabel vergessen“, sagt er und steuert auf seinen Platz zu, hinter dem tatsächlich ein Ladekabel aus der Steckdose hängt. Er zieht es heraus, wickelt es auf, steckt es in die Hosentasche. Noah und ich sehen ihm stumm zu. Mein Herz schlägt noch wie verrückt.
Ben dreht sich um, sieht mich entschuldigend an und will wohl wieder gehen, als sein Blick eine Sekunde länger an Noah hängenbleibt und er große Augen macht.
„Holy …“, entfährt es ihm.
Auf meiner Stirn kribbelt es, so sehr, dass ich nur mühsam dem Drang widerstehen kann, mich zu kratzen. Das Licht von unzähligen Scheinwerfern sticht mir in die Augen, während ihre Hitze mir den Schweiß aus sämtlichen Poren treibt.
Es ist 6:20 Uhr. Jeder normale Mensch sollte jetzt entweder noch im Bett liegen oder maximal im Bademantel am Frühstückstisch sitzen und Kaffee trinken. Aber richtig. Ich bin kein normaler Mensch.
Im Bus herrscht mehr Gewusel als sonst. Dauernd läuft einer von uns von oben nach unten, von hinten nach vorn und wieder zurück. Ben checkt alle zwanzig Minuten den Wetterbericht und gibt ihn an uns weiter. Leicht bewölkt, 25 Grad. Freddy lehnt neben Judith, hat seine E-Gitarre auf dem Schoß und übt ein Gitarrensolo, wobei ich mir sicher bin, dass er schneller spielt als in den Proben. Aber ich sage nichts dazu. In meinen Ohren läuft Beethovens viertes Klavierkonzert. Mark und Tommy, die für unseren Merch-Verkauf zuständig sind, stellen sich immer absurdere Kopfrechenaufgaben.
„Dreißig mal neunundzwanzig fünfundneunzig“, ruft Tommy und übertönt damit das Crescendo des Orchesters in meinen Kopfhörern.
Kristinas Stimme klingt dünn und zittert. Das passt nicht zu den bunten Festivalbildern, die nur so von Leben und guter Laune sprühen.
„Hey, was ist denn los?“
„Nichts, was soll sein?“ Wenn sie neben mir säße, würde sie sich jetzt wegdrehen und meinem Blick ausweichen. Aber wenn sie hofft, mich austricksen zu können, weil wir nur telefonieren, liegt sie falsch.
Ich kann mir ein Seufzen nicht verkneifen. „Kristina, ich kann über den Ärmelkanal hinweg hören, dass es dir nicht gutgeht. Was ist passiert?“
Im treibenden Viervierteltakt des Allegro non molto von Vivaldis Winter laufe ich durch den Englischen Garten. Es ist gerade einmal kurz nach sechs und die einzigen Lebewesen, denen ich bislang begegnet bin, sind ein paar Enten, Tauben und Eichhörnchen. Schon in ein oder zwei Stunden wird es hier ganz anders aussehen. Oder heute Nachmittag. Ich jogge den Weg zum Monopteros hinauf und wie früher laufe ich zwischen den Säulen im Slalom. Stufe runter, Stufe hoch.
Der Horrortrip hält mich noch immer gefangen. Anders ist das hier nicht zu erklären. Wieder und wieder lese ich die Nachricht auf dem Display, aber ich checke sie trotzdem nicht.
Ich kann das nicht. Was soll das heißen?
Die Kommentare in den Social Media überschlagen sich vor Begeisterung zu Like a Mirror. Auch mein Postfach auf Instagram quillt über von Nachrichten, in denen Fans mir schreiben, wie sehr sie den Song lieben. Doch ich kann mich nicht darüber freuen. Diese eine Nachricht von Kristina stellt alles andere in einen diffusen Schatten.
Tag zwei ohne Noah. Tag zwei mit dem Schmerz. Die Watte um mich herum hat sich etwas gelichtet, dafür hat sich das brennende Stechen in mir festgesetzt. Es bleibt, egal, was ich tue. Es begleitet sogar die Musik.
„Wie hast du geschlafen?“, fragt Joshie leise, obwohl von den anderen niemand in der Nähe ist. Sie führt die Kaffeetasse zum Mund, trinkt aber nicht, sondern schaut mich über den Rand besorgt an.
„Geht so.“
„Jawoll! Nice!“ Liam reckt die Faust zur Siegerpose in die Luft.
„Was ist los?“, fragt Andy und greift zum tausendsten Mal seit zehn Minuten in die Tüte mit Weingummi.
Liam reicht ihm das Tablet. Da Andy direkt neben mir sitzt, wäre es ein leichtes für mich, ebenfalls einen Blick auf das Display zu werfen. Stattdessen starre ich aus dem Busfenster, vor dem die Autobahn im Sommerregen verschwimmt.
„Ey, krass. Guck mal!“
Zwischen einem senfgelben Cordsofa, drei passenden Sesseln und einer Theke, die über und über mit Stickern beklebt ist, tummeln sich gefühlt tausend Menschen. Tatsächlich sind es wohl nicht mehr als zwanzig, trotzdem ist es mir schon zu voll. Freddys Mutter sitzt neben Judith auf dem Sofa. Sie lächelt, aber nur mit dem Mund, ihre Pupillen wandern in den angestrengt zusammengekniffenen Augen hektisch hin und her. Ich schlucke, schwanke zwischen Bewunderung, dass sie sich für ihren Sohn aufrafft, hier zu sein, und dem Wunsch, sie hier wegzubringen. Oder interpretiere ich zu viel, nach dem, was Freddy neulich erzählt hat? Vielleicht sollte ich mich eher für ihn und seine Mutter freuen, dass sie gerade offenbar eine halbwegs gute Phase hat. Aber es kann auch eine trügerische Ruhe sein.
Der Eingangsbereich des Hotels erscheint mir wie das Tor zum Himmelreich. Sobald sich die automatische Tür hinter uns schließt und Security und Hotelpersonal sich darum kümmern, die lauernden Fans draußen zu halten, atme ich erleichtert aus.
Nur noch eine Aufzugfahrt, bis ich mich in die anonyme Stille meines Hotelzimmers zurückziehen kann. In nicht einmal einer Minute muss ich nicht mehr krampfhaft lächeln, locker drauf sein, oder Like a Mirror singen.
Nie, nie wieder, nehme ich mir zum hundertsten Mal vor, während ich die Tablette mit einem großen Schluck Wasser runterspüle und anschließend meine Schläfen massiere. Leider verschwinden die Kopfschmerzen nicht innerhalb von Sekunden wie in der Werbung. Aber ob es normal ist, dass sie schon eine Woche anhalten? Mal mehr, mal weniger stark. Das ist bestimmt der Stress, versuche ich mir einzureden. Die letzte Woche war echt heftig.
Der Juckreiz wird mit jeder Minute schlimmer, egal wie oft ich über den Verband kratze. Okay, vielleicht liegt’s genau daran. Aber verdammt, diese blöde Brandverletzung macht mich noch wahnsinnig. Nicht genug, dass Scott mir einen ordentlichen Anschiss verpasst hat, weil ich mich vor einem Fotoshooting an so prominenter Stelle verbrannt habe. Es reicht auch nicht, dass mein verbundenes Handgelenk in jedem Interview Thema wird. Nein – das Jucken raubt mir zusätzlich nachts den ohnehin viel zu kurzen Schlaf.
Die weißen und schwarzen Tasten lösen sich in Töne auf, tanzen vor meinen geschlossenen Augen. Die Musik lindert die Hitze, die in mir tobt, bis meine Seele sich aus meinem Körper löst und über mir zu schweben scheint.
Sometimes love feels like a memory
that hurts too much to keep
In diesem Moment schmerzt es jedoch nicht mehr. Das, was weh tat, ist weit weg. Ich bin frei. Meine Finger gleiten blind über die Klaviatur.
„Noch ein Stück näher zusammen. Den Arm noch ein bisschen höher. Ja, so ist super.“
Ich lege meinen linken Arm lässig um Andys Schulter, den rechten hinter Liams Hüfte. Augenblicklich spannen sich seine Muskeln, aber nach vorn verzieht er keine Miene, sondern lächelt den Fotografen an, als gäbe es auf der Welt nichts anderes als Sonnenschein. Ich puste mir auf Geheiß des Fotografen eine Haarsträhne aus der Stirn und lächle verwegen.
„Nice. Jetzt noch mal in die andere Richtung gucken.“
Der Regen prasselt mit aller Kraft gegen den Bus. Durch diese Wand aus Wasser ist kaum etwas zu erkennen.
„Ist das dieses Sommerwetter, von dem alle gesprochen haben?“, fragt Joshie.
„Da hat wohl jemand Sommer und Sintflut verwechselt.“ Ich ziehe meine Pulloverärmel über die Hände. Irgendwie scheint es, als ob es durch den Regen im Bus gleich ein paar Grad kühler geworden wäre.
„Na ja, wir sind ja gerade mal aus Hamburg raus. Das Wetter wird schon noch besser.“ Joshie schaut hoffnungsvoll zum Fenster und versteckt ihre Daumen in ihren Fäusten. Vielleicht hilft das Daumendrücken tatsächlich, überlege ich und imitiere Joshies Geste in meinen Ärmeln.
In diesem Moment kommt Johnny vorbei. „Was macht ihr da?“
Etwas stößt gegen meine Fingerspitze, als ich die Hand in die Hosentasche stecke. Leider ist es nicht das Taschentuch, nach dem ich gesucht habe, sondern etwas Hartes. Ich ziehe ein längliches viereckiges Stück Metall hervor, in das Sonne, Mond und Sterne eingraviert sind.
Unwillkürlich schießt Hitze in jeden Winkel meines Körpers. Ich hätte diesen Anhänger wegwerfen sollen. Hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass ich ihn bei mir trage. Ganz zu schweigen davon, mich auf die Geberin des Anhängers einzulassen.
Brianna.
Ich schließe die Augen, lasse die Hände auf den Tasten liegen und atme langsam aus. Angenehme Ruhe umfängt mich und Zufriedenheit macht sich in mir breit. Dreimal habe ich meinen Song jetzt schon gespielt und noch keine Träne vergossen. Sehr gut. So soll es bleiben, denn bei unserem Livestream in ein paar Stunden, kann ich mich nicht hinter Regen verstecken.
Das Kamerabild zeigt den gesamten Proberaum, sodass ich Kristina auf meinem Handydisplay nicht genauer erkennen kann. Ich kneife die Augen zusammen und halte mir das Handy noch näher vors Gesicht, in der Hoffnung, doch mehr zu sehen. Aber entweder schaut Kristina auf ihr Keyboard oder zur Seite. So ein Mist. Wieso tu ich mir das überhaupt an? Als ob ich durch Videos herausfinden könnte, was mich glücklich macht. Aber für den Moment hält mich die Aufzeichnung des Livestreams von Escape wenigstens beschäftigt. Ich kann sowieso nicht schlafen.
Ein Teil von mir will sich in seine Arme stürzen und der Sehnsucht nachgeben, die seit Wochen in mir brennt. Der andere Teil will Noah die Tür vor der Nase zuschlagen und sich im Airbnb verschanzen. Ich bleibe auf der Türschwelle stehen, die Hand noch immer am Schlüssel, und sehe mich über die Schulter zu ihm um.
Wenn ich seine Stimme nicht erkannt hätte, würde ich auch jetzt kaum auf die Idee kommen, dass unter der schwarzen Kapuze Noah steckt. Er fügt sich perfekt in die Dunkelheit ein.
Scotts verkniffene Miene sagt mir deutlich, dass er mich am liebsten vierteilen würde, als ich am nächsten Morgen in Begleitung von Jayden am Flughafen ankomme. Die Standpauke bleibt jedoch aus, er schiebt mich nur stumm durch Check-in und Sicherheitskontrolle bis zu meinem Platz im Flieger. Vermutlich gar nicht so unberechtigt, dass er nicht aus den Augen lässt, denn freiwillig bin ich ganz bestimmt nicht hier.
Ich sehe sehr viel weiß, am Rand einen Hauch von grün, genaue Umrisse sind nicht zu erkennen. Trotzdem zögere ich keine Sekunde, ehe ich Noah meine Antwort auf sein heutiges Rätsel schicke.
Sushi.
Vermutlich wird es eine Weile dauern, bis er antwortet, also lege ich das Handy zur Seite, kann mir aber ein Grinsen nicht verkneifen. Joshie mustert mich, spitzt die Lippen und hebt eine Augenbraue.
Wie kann es so viele schöne Menschen auf einem Haufen geben? Obwohl wir nun schon anderthalb Tage in Korea sind, fällt mir bei jeder neuen Begegnung die scheinbare Makellosigkeit auf. Fast bin ich versucht, die Hand auszustrecken und die Leute zu berühren, um zu testen, ob sie echt sind. Doch ich reiße mich zusammen und erwidere nur höflich die freundlichen Gesten, die man uns entgegenbringt.
„Haben Sie noch einen Wunsch, Mr Hammond?“, fragt mich die Hotelmitarbeiterin, die so perfekt gestylet ist, als würde nicht ich, sondern sie gleich vor die Kameras der Pressefotografen treten müssen.
Ein Blick in Freddys Gesicht genügt, um zu wissen, dass alles noch genauso beschissen ist wie gestern. Vielleicht sogar noch schlimmer. Mit hängenden Schultern, dunkel geränderten Augen und schmalen Lippen betritt er grußlos den Proberaum. Verdammt, so scheiße hat er nicht einmal ausgesehen, als es seiner Mutter vor zwei Jahren so schlecht ging und er seinen Ausbildungsplatz verloren hat. Es tut weh, ihn so zu sehen.
Wir klammern uns aneinander wie Ertrinkende. Alles, was bis vor einer Sekunde noch laut war, die Sehnsucht, die Zweifel, die Nervosität, alles wird still und leise in dieser Umarmung.
Kristina schlingt ihre Arme eng um meine Schultern und vergräbt ihren Kopf in meiner Halsbeuge. Ihr Atem streichelt warm meine Haut, während ich Nase und Hände in ihr Haar drücke. Oh Gott, bitte lass es niemals enden.
C-Dur, a-Moll, D-Dur, h-Moll. Ich spreize meine Finger auf unsichtbaren Tasten. Wenn sie doch nur wirklich meine Haut kühlen würden, die lodernden Flammen in mir ein wenig in Zaum halten. Seltsamerweise ist es kein wütendes Feuer, das wild um sich greift, vielleicht würde mir das Genugtuung verschaffen oder Kraft geben, Noah anzubrüllen. Stattdessen züngelt es klein, aber heiß und ausdauernd und nimmt mir mal wieder die Luft zum Atmen.
Er hat dich benutzt, flüstert das Feuer.
Hey …
Nein, das geht nicht. Ich tippe auf Backspace und lösche das Wort Stück für Stück, schreibe stattdessen Hi in das Nachrichtenfeld. Auch nicht besser. Wieder löschen.
Liebe Kristina.
Ja, schon eher, aber wohl eher passend für einen Brief als für eine Chat-Nachricht. Also wieder löschen. Anschließend starre ich auf das leere Feld und die angezeigte Tastatur, so lang, bis der Bildschirm dunkler wird. Dann tippe ich aufs Display und starre weiter.
Mit der Kante des Teelöffels schabe ich die Schale von der Knolle und greife dann nach dem Obstmesser und schnipple kleine Ingwerstückchen in die Tasse. Ein Spritzer von der ausgepressten Zitrone und heißes Wasser – fertig ist mein Frühstücksgetränk. Der Packung meines Lieblingstees werfe ich einen wehmütigen Blick zu. Aber aktuell wäre es leider totale Verschwendung. Wenn es gut läuft, kommen wir Ende der Woche wieder zusammen. Wie ich die Tage bis dahin überstehen soll, weiß ich nicht, wach werde ich von heißem Ingwer mit Zitrone jedenfalls nicht.
Keuchend lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und angle nach der Wasserflasche in meiner Sporttasche. In meinen Waden brennt es wie Feuer, meine Arme sind unendlich schwer, sodass sie kaum die Flasche angehoben bekommen, und von meinem Nacken will ich gar nicht erst reden. Simon hat uns bei der Probe für die Tour richtig lang gemacht. Andy und Liam lassen sich neben mir fallen, beiden rinnt der Schweiß von der Stirn. Nur Suma sieht genauso fit aus wie Simon und macht ein Gesicht, als könnte er noch weitere drei Stunden trainieren. Lässig lehnt er mit einem Handtuch über der Schulter an der Stange, die an der Wand entlangläuft.
Am Ufer des Sees flackert ein Lagerfeuer. Gelbrote Flammen gegen den dunkelblauen Himmel. Gras streicht kühl über meine nackten Füße, aber ich friere nicht. Ich gehe auf das Feuer zu, kleine goldene Funken stieben wie Konfetti in die Luft und bleiben dort auf wundersame Weise hängen. Und dazwischen sitzt sie auf einem Baumstamm. Ihr Kleid fließt um ihre Beine, fast wie ein zweiter kleiner See zu ihren Füßen. Sie hebt den Blick und lächelt. Ihre dunklen Augen lodern im Schein der Flammen.
Noch nie hat meine Hand beim Schreiben einer Nachricht so dermaßen gezittert wie jetzt. Die Reaktion meines Körpers hat allerdings nichts mit den vier Anrufen und zig Nachrichten von Scott zu tun, die ich in den letzten zwei Tagen ignoriert habe. Es sind die drei Worte, die ich nun schon zum zweiten Mal tippe, weil ich immer wieder verrutsche und Fehler mache. Erstaunlich bei so wenig Text. Wie schwierig kann denn das bitte sein?
Können wir reden?
Absenden.
Unschlüssig starre ich mein Spiegelbild im Garderobenspiegel an. Ich sehe aus wie immer und komme mir trotzdem fremd vor. Das da bin nicht ich. Tausende Menschen da draußen würden mir vehement widersprechen, weil sie mich nur so kennen. Aber sie haben keine Ahnung. Wie auch. Das hier bin nicht ich. Nicht mehr.